Der journalistische Nutzen von „Plague – The Network“

Ist eine App, die auf das mehr oder minder blinde Verteilen von Nachrichten setzt, ein journalistisches Werkzeug? Die Frage stellt sich derzeit bei der App „Plague – The Network“, die Nachrichten wie eine Virus-Erkrankung behandelt.

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Ist eine App, die auf das mehr oder minder blinde Verteilen von Nachrichten setzt, ein journalistisches Werkzeug? Die Frage stellt sich derzeit bei der App „Plague – The Network“, die Nachrichten wie eine Virus-Erkrankung behandelt.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf torial.com.

Zum Ende des vergangenen Jahres machte eine App die Runde durch die Tech-BerichterstattungPlague – The Network. Die Idee dahinter ist schnell erklärt: Nutzer können sich und vier weitere Personen aus dem näheren räumlichen Umfeld mit Nachrichten-Postings, sogenannten „Cards“, infizieren. Diese bestehen entweder aus Text oder aus einem Bild. Die Idee ähnelt der Ausbreitung einer Krankheit: Je mehr Menschen sich anstecken, desto größer kann der Radius der Verbreitung werden. Und sich irgendwann zu einer weltweiten „Seuche“ entwickeln – womit wir die Frage nach dem Namen auch gleich geklärt hätten.

Damit folgt die Agentur Deep Sea Marketing, die von den British Virgin Islands aus ihre Geschäfte leitet, einer Idee von Mark Zuckerberg, der diese Art des reibungslosen Teilens 2011 auf der f8-Konferenz als „frictionless sharing“ präsentiert hat. Zwar bezog sich Zuckerberg damals auf den neuen News-Stream bei Facebook, der es den Nutzern noch einfacher machen sollte, Inhalte von verbundenen Personen zu teilen. Doch Plague hat das Prinzip nochmal weiterentwickelt: Ein Wisch nach oben reicht, um die Nachricht an vier weitere Personen in der Umgebung weiterzugeben, ein Wisch nach unten stoppt die Verbreitung an der eigenen Stelle. Ausführliche Profile, Likes, Abonnements oder sonstige Social-Media-typische Funktionen sind nicht vorgesehen – bei Plagueheißt es volle Konzentration auf die Inhalte.

Beobachter oder Verteiler?

Die Frage ist nun, ob und wie Journalisten von der App und ihrem Ansatz profitieren können? Es gibt zwei Möglichkeiten: Über die beobachtende Nutzung bei Veranstaltungen und Ereignissen. Und über eine aktive Nutzung zum Verbreiten der eigenen Nachrichten.

Beginnen wir mit dem ersten Anwendungsfall: dem Beobachten. Durch Twitter, Facebook und Youtube ist es inzwischen schon ziemlich einfach, (Augenzeugen-)Beiträge zu Ereignissen wie Protestbewegungen, Demonstrationen oder Terroranschlägen zu ermitteln. Wer aber vor Ort ist, hat bei Plague den Vorteil, dass das Prinzip auf dem Standort der Nutzer basiert. Infiziert werden immer die vier nächsten Personen. Bei Menschenansammlungen dürften sich also relativ schnell brauchbare Informationen ergeben.

Dazu müsste Plague aber noch viel mehr in der breiten Masse ankommen. So wie die App Firechat. Die hat im September 2014 bewiesen, dass es möglich ist, auch als Neuling durchzustarten: Bei den Protestbewegungen in Hongkong stiegen die Demonstranten auf den Bluetooth-Dienst um, nachdem das Handynetz überlastet war und einzelne Social-Media-Dienste vom chinesischen Festland aus nicht mehr erreichbar waren. An einem Morgen brachte es Firechat so zu über 100.000 Neuanmeldungen.

Verifizierung kaum möglich

Doch es ergibt sich noch ein weiteres Problem bei Plague: Die Verifizierung der Inhalte. Die ist nämlich kaum möglich durch Pseudonyme und die sonst auch mehr als rare Informationslage innerhalb des Netzwerks. Es mangelt also für einen ernstzunehmenden Erkenntnisgewinn über Plague noch an Nutzern und an Seriosität.

An Nutzern mangelt es auch, wenn man Plague ganz aktiv für seine Berichterstattung einsetzt: Etwa, indem man sich anschaut, wie sich Themen verbreiten oder wie relevant sie für die Masse außerhalb der Redaktionsräume sind. Geht eine „Card“ dann wirklich mal viral, können sich internationale Diskussionen zu dem Thema ergeben. Denn neben der reinen Teilen-Funktion bietet Plague auch ein Kommentarsystem.

Kurzum: Plague hat noch einige Probleme auf dem Weg zu einem ernstzunehmenden journalistischen Werkzeug. Aber Beispiele wie das von Firechat zeigen, dass es manchmal nur die richtige Gelegenheit benötigt, um durchzustarten. Wer sich dann intensiv mit den geteilten Informationen beschäftigt, kann einen Erkenntnisgewinn erlangen. Und wer aktiv zum Verteiler wird, kann mit etwas Glück auf fruchtbare Diskussionen treffen.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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