Ein paar Worte zur EM-Berichterstattung

europameisterschaft e1341148509588 Ein paar Worte zur EM Berichterstattung

Auch wenn es die vielseits als “beste deutsche Mannschaft aller Zeiten” bezeichnete DFB-Auswahl auch 2012 nicht geschafft hat, einen Titel mit nach Hause zu bringen, war wieder einmal ein ganzes Land im Fussball-Fieber. Dementsprechend viele Menschen sahen auch die Spiele der Europameisterschaft auf ARD und ZDF. Wer – so wie ich – so gut wie kein Spiel verpasst hat, kann aber nur sehr bedingt mit der Berichterstattung zufrieden sein. Ich jedenfalls bin es nicht. Ein paar Worte dazu.

Während man noch bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika über die angenehm unaufgeregten Kommentare von Gerhard Delling und Günter Netzer schmunzeln konnte, scheint die richtige Moderation für ein großes Fussball-Turnier bei der ARD nun verloren. Den nicht zu Unrecht viel parodierten Talkmaster Reinhold Beckmann neben Stammtischparolen-Schwinger Mehmet Scholl einzusetzen, grenzt an unglaubliche Ignoranz. Ignoriert wird scheinbar jegliches Verlangen der Zuschauer nach Unterhaltung in Kombination mit fundiertem Fachwissen. Die Unterhaltung oder wenigstens das Wachrütteln jeglichen Interesses erstickte Bechmann mit seinem Talker-Singsang im Keime. Fachwissen oder wenigstens eine objektive Analyse gab es von Scholl so gut wie nie. Am Ende war dann auch das langweiligste Spiel der Engländer voller Herzblut oder mit ganz viel Leidenschaft. Auch wenn Mehmet Scholl ein grundsympathischer Typ ist und ab und an mit Spontanität glänzen konnte (“Back to the Wurzeln”): Co-Moderator war er nie, ist er nicht und wird er nie sein. Und Beckmann sollte lieber bei der Talkrunde bleiben.

Apropos Talkrunde: Wann wird die ARD denn verstehen, dass “Waldis EM, WM oder was-auch-immer-Club” nicht mehr zeitgemäß ist? Selbst Markus Lanz sorgte während der EM für bessere Talkrunden (und das heißt schon was). Wahrscheinlich ist die Bier-und-Brezel-Runde nur eine Frage des Geschmacks, meinen trifft sie nicht. Das liegt zwar zu einem großen Teil an Waldemar Hartmann, aber nicht zuletzt auch an Matthias Knop, der als Matze Knop ebenso unwitzig ist, wie als Franz Beckenbauer, Jogi Löw, Dieter Bohlen oder Luca Toni.

Doch nicht nur die ARD hat Kritik verdient. Auch das ZDF schien nicht ganz auf der Höhe zu sein. Zwar war der “ZDF-Fussball-Strand” in Usedom wunderbar anzusehen, die Moderatoren Katrin Müller-Hohenstein und Ex-Torwart Oliver Kahn perfekt inszeniert vor den leichten Wellen der Ostsee. Trotzdem stand immer wieder eine Frage im Raum: Was haben Usedom, die Ostsee, der Strand und Katrin Müller-Hohenstein denn bitte mit Fusball zu tun? – Richtig, nichts! Da waren nicht nur die Tonprobleme zu Beginn der Europameisterschaft störend. Auch die selten dämlichen Fragen von Müller-Hohenstein dürften nicht nur Kahn genervt haben. Im Gedächtnis eingebrannt hat sich dabei sehr deutlich die Diskussion, ob ein Weitschuss aus 20 Metern denn nun eine hundertprozentige Torchance ist oder eben nicht. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich nun die Vermutung äußern, Müller-Hohenstein kam sich neben dem wirklichen Fussball-Kenner Kahn ein wenig deplaziert vor und wollte sich mit dieser unnötigen Diskussion profilieren – kläglich gescheitert, weil selbst Kahn irgendwann aufgab und mit einem Lächeln alles sagte.

“Lieber schlecht, als gar nicht?” muss man sich bei der großen Netz-Initiative des ZDF während der EM fragen. Zwar kommt man kaum umher, das ZDF zu loben, wenn es um die Nutzung von Social Media geht. Bei der EM ist das Experiment mit Jeannine Michaelsen als “Netz-Maus” aber gescheitert. Das lag weniger an ihr selbst, als an Müller-Hohenstein und Kahn, die so wenig Ahnung vom Internet zu haben scheinen, das ihnen nur seltsame Fragen einfielen. Die unbeholfenen Blicke und die Versuche, Michaelsen auf etwas hinzuweisen, blieben dabei meist nicht unbemerkt. Das absolute Highlight (das schon wieder echt lustig ist) lieferte Michaelsen, als sie Oliver Kahn das Twittern beibringen wollte. Eine schöne Idee und zuschauerfreundliche Unterhaltung zum Live-Miterleben:

Zwar ist Harald Schmidt in diesem Fall nicht Harald Schmidt, sondern ein Comedian. An Kahns Verwirrung änderte das aber nur wenig.

Auch wenn ich viele negative Punkte an den beiden übertragenden Sendern ARD und ZDF finde, sollte nicht verheimlicht werden, dass ich froh bin, nicht Sat1 oder RTL während der Europameisterschaft schauen zu müssen. Alleine die Werbepausen während der Halbzeitpause würden mich so sehr nerven, dass ich den Spaß am Turnier schnell verlieren würde. Das Duo Beckmann/Scholl halte ich für gescheitert, Müller-Hohenstein für fussballerisch inkompetent und Oliver Kahn für den Gewinner im Vierkampf um den Titel “bester deutscher EM-Moderator/Experte”. Mal angesehen von seinem wenig lustigen Humor glänzte er zuletzt mit vielen fundierten Aussagen und interessanten Einblicken in den Alltag einer Nationalmannschaft.

Gegen meinen vorerst letzten Kritikpunkt an der EM-Berichterstattung sind ARD, ZDF, Beckmann und Usedom aber nur Peanuts. Kommen wir zur UEFA. Der Dachverband des europäischen Fussballs hält scheinbar nur wenig von einer freien Berichterstattung. Nicht nur, dass Flitzer, Randale auf der Tribüne, Feuerwerkskörper oder leere Ränge nicht gezeigt wurden, selbst auf das was gezeigt wurde, konnte man sich nicht verlassen. So etwa beim Spiel Deutschland gegen die Niederlande, als Bundestrainer Joachim Löw mitten in einem noch lange nicht entschiendenen Spiel einem Balljungen von hinten den Ball aus dem Arm stubste und so manchen Zuschauer damit wohl zum Lachen gebracht hat. In Wirklichkeit saß Löw die meiste Zeit grübelnd, angespannt und auf dem Fingernagel kauend auf der Trainerbank – ohne jeglichen Sinn für Albereien. Nach großem Protest der ARD und einer einsichtigen UEFA schien die Angelegenheit geklärt. Zumindest bis zum Spiel Deutschland gegen Italien, als nach dem (schmerzenden) 2:0 durch Mario Balotelli eine offenbar deutsche Zuschauerin im Bild war, die eine große Träne vergoss. Wie sich später herausstellte, geschah dies während der Nationalhymne – vermutlich aus Rührung über den wunderbaren Moment.

Auch hier hat die UEFA getrickst und auch wenn man den Vorwurf der Manipulation entschieden zurückweist: Die Bilder wurden manipuliert. Und auch wenn die UEFA peinlich genau darauf achtet, nicht von Zensur zu sprechen: Die Bilder wurden zensiert. Das ist mehr als nur bedauerlich oder eine kleine Schelte wert. Das darf heutzutage nicht und unter keinem Umstand passieren. Dann lieber die Übertragung den einzelnen Ländern überlassen, womit zwar ein Kamera-Platz-Problem entstehen würde, aber wenigstens würde alles gezeigt, was gezeigt werden muss.

Wer mich kennt, der weiß, dass Welt- und Europameisterschaften für mich das Größte sind. Dementsprechend kleinlich bin ich auch bei der Kritik über die Berichterstattung. Ich hätte mir mehr erhofft. Mehr Kompetenz, mehr Spannung, mehr Unterhaltung. Wo sind die Zeiten, als man nach einem EM-Spiel noch stundenlang am Fernsehgerät klebte, um die Analyse zu verfolgen und den wirklichen Experten zuhörte? – 2012 habe ich quasi mit dem Abpfiff ausgeschaltet, einzig das ZDF hat mich an manchen Tagen zu ein wenig mehr Interesse gebracht.

Wie seht Ihr das? Was hat Euch gefallen? Was nicht? Und was sagt Ihr zu meiner Kritik? Berechtigt? Unberechtigt? Warum? – Eure Meinung interessiert mich!

Bild: UEFA

Veröffentlicht von

tobiasgillen

Tobias Gillen ist freiberuflicher Medienjournalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier, ins Netz und für die Ohren über alte, neue und soziale Medien. Im Netz ist er bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden

3 Gedanken zu „Ein paar Worte zur EM-Berichterstattung“

  1. Volltreffer!!!
    Sehr guter Bericht.
    Ich bin eigentlich auch der Typ, der sich gerne die Vor- und Nachberichte ansieht. Aber bei dieser EM hab ich das fast gar nicht gemacht.
    Nichts gegen Mehmet Scholl. Aber als Trainer hat er total versagt (Abstieg mit den Bayern Amateuren aus der dritten Liga) und jetzt versucht er Deutschland Fußball zu erklären….
    Frau Müller-Hohenstein ist meiner Einschätzung nach im Aktuellen Sportstudio schon nicht gut aufgehoben. Aber bei der EM hat sie es tatsächlich geschafft, den letzten Funken Hoffnung auf Besserung schwinden zu lassen.
    Wenn ich allerdings Deinen Bericht lese, keimt wieder etwas Haffnung auf, vielleicht in Zukunft besser informiert zu werden.

    Gruß

  2. Ich kann mich meinem Vorredner nur anschliessen!
    Super Bericht, der genau das wieder gegeben hat, was ich mir in den letzten vier Wochen gedacht habe!
    Mal schauen wie es in 2 Jahren bei der WM in Brasilien wird und ob die ARD bzw. das ZDF reagiert…

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