Wie „Mediapart“ unabhängigen Journalismus im Netz vormacht

Mediapart

In Deutschland suchen Medienhäuser händeringend nach Erlösmodellen. Die französische Seite „Mediapart“ ist da schon weiter: Sie verzichtet auf Werbung, finanziert sich mit Abos – und ist damit auch noch rentabel. Wie das funktioniert und was hiesige Medien in dem Bereich machen. 

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst auf torial.com erschienen.

Wer auf der französischen Website „Mediapart“ einen Artikel lesen möchte, wird schnell enttäuscht: „Zugang zu diesem Artikel ist den Abonnenten vorenthalten“, heißt es in roten Lettern nach der Einleitung. Anderthalb Absätze sind danach noch zu lesen, dann verschwimmt der Text und endet mit einem Banner, der auf ein Abonnement der Internet-Zeitung hinweist.

Und damit wären wir auch schon beim großen Erfolgsmodell von Mediapart: Leserfinanzierter Journalismus. Lange Zeit – gerade in Frankreich – für unmöglich gehalten, hat „Mediapart“ schon Mitte 2011, also drei Jahre nach seiner Gründung, gezeigt, dass hochqualitativer Journalismus auch ohne Abhängigkeiten von Sponsoren aus Politik und Wirtschaft oder Werbeeinnahmen funktionieren kann.

1,4 Mio. Euro Gewinn

2011 nämlich wurde die Gewinnschwelle erreicht: 50.000 Abonnenten waren zum damaligen Zeitpunkt nötig, um die Seite rentabel zu machen. 50.000 Menschen also, die monatlich zwischen 7,50 Euro und 9 Euro für etwas bezahlen, dass sie nur am Bildschirm lesen können. 50.000 Menschen, denen die täglich drei aktualisierten Ausgaben von „Mediapart“ das Geld wert sind.

Inzwischen ist die Seite, die von langjährigen Mitarbeiter_innen von „Le Monde“ und „Libération“ gegründet wurde, weiter gewachsen: 107.000 Abonnenten zählt sie, macht damit im vergangenen Jahr 8,8 Millionen Euro Umsatz, 1,4 Millionen Euro Gewinn. Und auch die Belegschaft wächst stetig: Waren es 2008 noch 30 Beteiligte, sind es Ende 2014 immerhin 25 mehr.

Vorzeigebeispiel für investigativen Journalismus in Frankreich

Bekannt geworden ist die Seite hauptsächlich durch die Aufdeckungen großer Staatsaffären. Etwa 2010, als man die so genannte „Bettencourt-Affäre“ um illegalen Parteispenden von Liliane Bettencourt ins Rollen brachte. Die L’Oréal-Hauptanteilseignerin hatte UMP-Mitgliedern, darunter auch dem damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Arbeitsminister Éric Woerth, jahrelang Bargeld zugesteckt.

MEDIAPART_charte_graphique.ai„Mediapart“ kam an Tonaufnahmen, veröffentlichte sie – im Gegensatz zu der durch Bande vom Präsidenten und seiner Politik abhängigen etablierten Konkurrenz. Ein anderes Beispiel, es ist inzwischen 2013 und „Mediapart“ längst hochrentabel und in der öffentlichen Wahrnehmung etabliert, handelt vom Haushaltsminister Jérôme Cahuzac, dessen illegale Steuermachenschaften durch „Mediapart“ aufgedeckt wurden. All das trug zum Image bei, machte „Mediapart“ zum Vorzeigebeispiel für investigativen Journalismus in Frankreich.

106 Zeitungen in Deutschland mit Paid-Content-Modellen

Die Besonderheit besteht vor allem in der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, die sich nur solche Medien leisten können, die eben nicht von Werbeanzeigen abhängig sind. Damit ist sowohl die journalistische Unabhängigkeit gemeint – also solche, die es erlaubt, auch mal kritisch über eine Supermarktkette zu schreiben ohne gleich befürchten zu müssen, den gesamten Werbeetat des Unternehmens zu verlieren. Aber auch die finanzielle Unabhängigkeit, die den Journalisten die Ruhe gibt, die sie für gründliche Recherche und unaufgeregte Berichterstattung brauchen.

Gerade daran scheitern heute noch viele Verlage. Schauen wir nach Deutschland, wo die Paid-Content-Evolution gerade erst beginnt. Immerhin schon 106 Zeitungen listet der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) inzwischen auf einer Sonderseite. So viele Medien setzen hierzulande auf verschiedene und vor allem verschieden stark ausgeprägte Bezahlmodelle. Die klare Minderheit geht den Weg über eine „harte Paywall“, wie es „Mediapart“ macht, verbreiteter sind das Freemium- und das Metered-Modell.

„Krautreporter“ – auf den Spuren von „Mediapart“ ?

Alle anderen sind nach wie vor auf Werbeerlöse angewiesen, hecheln lächerlichen Tausender-Kontakt-Preisen hinterher, verschrecken Leser mit undurchsichtigen Native-Advertising-Spielereien oder pflastern die Seiten so voll mit Werbung, dass man gar nicht mehr anders kann, als einen Adblocker zu nutzen. Und selbst die, die schon mit Paid-Content experimentieren, können längst noch nicht unbeschwert arbeiten, geschweige denn größere Investitionen tätigen. Auch hier suchen viele noch den Absprung von der Werbeindustrie.

Wirklich leserfinanziert ist hierzulande eigentlich nur ein Medium, nämlich das der „Krautreporter“. Mit gut einer Million Euro Crowdfunding-Budget und ambitionierten Zielen sind sie im Sommer 2014 gestartet, sammeln von jedem Mitglied fünf Euro pro Monat ein und bieten ihnen dafür Zusatzfeatures wie eine Kommentarfunktion oder Audio-Podcasts. Ob das funktioniert, ist noch nicht zu sagen. Immerhin ist im Schnitt jeder fünfte Artikel des ohnehin nur spärlichen Outputs der Seite ein Werbetext für eine Mitgliedschaft – nach dem großen Erfolg sieht das noch nicht aus.

„Harte Paywall“ in Deutschland noch nicht angekommen

Zudem setzen die „Krautreporter“ nicht auf eine „harte Paywall“ – die Texte sind also anders als bei „Mediapart“ trotzdem lesbar. Nur eben ohne die kleinen Goodies, auf die man wohl genau dann verzichten kann, wenn man sich nicht sonderlich für die Zukunft des Journalismus im Internet interessiert. Und sind wir ehrlich: Wer tut das schon, solange es genügend kostenfreie Alternativen gibt? Da spielt dann auch der durchaus lesenswerte Inhalt bei den „Krautreportern“ keine Rolle mehr.

„Mediapart“ hat in Frankreich das vorgemacht, was viele Medienhäuser auf der ganzen Welt versuchen: Die richtige Idee zur richtigen Zeit richtig umsetzen. Ihr Modell ist für den Großteil der etablierten Medien kaum nachzuahmen. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Immerhin sind die Leser längst an eine Gratiskultur gewohnt. Jetzt plötzlich auf Werbung zu verzichten und zur Online-Abo-Zeitung zu werden, ist nicht umsetzbar. Und wenn, dann höchstens in ganz kleinen Schritten, wie es aktuell die “Rhein-Zeitung” aus Koblenz vormacht.

Aber das Modell kann als Vorbild funktionieren. Denn fernab von Rentabilität, Paid Content und Anzeigenerlösen machen die Mitarbeiter_innen von „Mediapart“ im Internet eines grundlegend anders, als viele Medienhäuser, die einem klickbringendem Gerücht nach dem anderen hinterher hecheln: Sie üben ihren Job aus.

Und der heißt Journalismus.

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.