#Heftigstyle: Bitte hört auf mit der Prostitution!

Heftig.co startet durch – und alle hecheln hinterher | © Logo heftig.co
Ich bin genervt. Genervt von all den Überschriften im sogenannten „Heftigstyle“. Genervt davon, wie viele geschätzte Medien inzwischen auf diesen Zug aufspringen. Genervt von der zunehmenden Klicknutten-Prostitution der „Qualitätsmedien“. Ein paar Worte dazu.

Nein, dieser Text treibt euch nicht die Tränen in die Augen, verändert euer Leben oder macht irgendetwas anderes mit euch, eurer Verwandschaft oder sonst wem. Lest ihn oder lasst es, teilt ihn oder lasst es, druckt ihn aus und hängt ihn euch über die Couch – oder lasst es.

Ich habe mir jetzt gut eine Woche das Spektakel um die „Enthüllung“ der zwei Spezialisten hinter heftig.co angesehen und immer wieder juckte es mir in den Fingern. Jetzt muss ich einfach mal ein bisschen Dampf ablassen.

Mir kommen inzwischen tatsächlich fast die Tränen, wenn ich so einen Unsinn wie „Irgendwas passierte. Wenn du das liest, kommen dir die Tränen“ lese. Da gehen zwei Betriebswirte hin und sammeln irgendwo im Internet Dinge zusammen, die in – es ist mir schleierhaft – irgendeiner Weise emotionalisieren sollen, packen eine Überschrift in diesem Stil davor und hauen sie auf Facebook raus. Simpel, aber effektiv. Denn mit über 800.000 Facebook-Fans und 2,4 Millionen Shares in einem Monat kann sich diese Art von „Unterhaltung“ leider sehen lassen – zumindest zahlenmäßig.

Öffentlich-rechtliches Clickbaiting

Was mich stört ist aber weniger der Erfolg dahinter. Und es ist mir auch egal, woher heftig.co seine Inhalte bezieht und ob das in irgendeiner Weise mit dem Urheberrecht kollidiert. Es ist vielmehr das, was wir daraus machen. Wie viele Postings, Tweets, Kommentare habe ich in der letzten Zeit gelesen, die sich über die Website beschwert haben, die darin eine Zukunft des Journalismus sehen wollten oder die einfach nur angewidert waren. Und wie viele Artikel habe ich in der Folgezeit gelesen, die genau mit diesen Clickbait-Methoden versucht haben, ein Stück vom großen Kuchen abzuhaben?

In Erinnerung ist mir etwa ein Posting der „ZDF heute“-Redaktion geblieben. Es ging um einen Artikel auf heute.de zur „Kritik am Anti-Homo-Gesetz“. Die Weltbank hatte einen Kredit für Uganda eingefroren als Reaktion auf das Gesetz. Das Twitter-Team teasert ihn wie folgt an:

Als Reaktion auf eine kritische Stimme zu diesem Clickbaiting rechtfertigt sich die Redaktion wie folgt:

Sind die Hausaufgaben also, dass man bei populären Websites abschaut, wie man Leser auf die Seite bekommt? Nun, erfolgreich erledigt – das muss man dann wohl zweifelsfrei anerkennen. Aber hat die Redaktion von „ZDF heute“ tatsächlich den Anspruch, sich in den Netzwerken auf eine Stufe mit „Buzzfeed“, der „Huffington Post“ oder eben heftig.co zu stellen? In dem Fall wäre ich als gebührenzahlender Freund der Öffentlich-Rechtlichen enttäuscht.

Ich erwarte Fakten. Klare Worte. Und wenn sich eine von den Gebührenzahlern finanzierte Redaktion auf Twitter austobt, freue ich mich darüber – wirklich. Aber bitte ohne den plumpen Versuch, die Nutzer auf die Website zu ziehen. Am „inhaltlich korrekt“ ist in dem Fall übrigens auch nicht zu rütteln. Aber leider war der Tweet für meinen Geschmack a) unvollständig und b) durch die direkte Ansprache zu persönlich.

Unterschwellige Ironie

Aber nicht nur das ZDF experimentiert nervt mit dem Clickbaiting im „Heftigstyle“. Eine kleine Auswahl, bei der ich mich beim Tumblr „Sag es heftig!“ bedient habe: „Huffington Post„, Stern.de, N24, die „Stuttgarter Zeitung„, „11 Freunde„, DRadio Wissen, watson.ch, die „Mittelbayerische Zeitung„, der „Focus Online“-Chefredaktuer und t3n.de. Es ist leider tatsächlich nur eine kleine Auswahl.

Ich finde das so abstoßend und weiß kaum, wie ich genau beschreiben kann, warum eigentlich. Es ist vermutlich, weil immer so eine unterschwellige Ironie mitschwingt. Etwas in die Richtung: „Wenn sich jemand beschwert, können wir ja immer noch sagen, es war nur ein Scherz.“ Symptomatisch finde ich dabei einen Tweet und einen Blogbeitrag vom geschätzten Kollegen Julian Heck. So schrieb er mir in der vergangenen Woche auf Twitter aus der Seele:

Er schrieb dann auf eine Reply noch, dass etwa die Kollegen von lousypennies.de momentan mit diesen Mitteln experimentieren: „Ok, wenns bei seinem Publikum funktioniert. Aber nervig.“

Sechs Tage später veröffentlicht er auf seinem Blog einen Beitrag mit dem Titel: „Der Facebook-Post mit meiner neuen Webseite sorgte für viele Likes. Nummer 36 löste einen Heulkrampf aus!“

Aufgrund seines Postings wenige Tage zuvor schloss ich, dass er das wohl nicht ganz ernst meinen kann. So schreibt er unter dem Posting über das Feedback zu seiner neuen Portfolio-Seite:

Ach so: Erwähnen sollte ich zur Befriedigung der Neugier vielleicht noch, dass es sich bei Nummer 36 – wovon im Titel die Rede ist – um Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, handelt. Ich habe zwar nicht geheult, aber mich gefreut. Solche Überschriften sind ja scheinbar gerade im Trend und locken heftig viele Leser an. Die Überschrift dieses Beitrages ist aber natürlich Quatsch und völlig überzogen. Das sind solche Überschriften übrigens immer und überall. Bitte hört damit auf. Alle. Endgültig.

Fakt ist aber leider, dass sich auch Julian Heck dieses Mittels bedient hat. Sei es nun aus Spaß, Ironie oder „Quatsch“. Fakt ist, dass er möglicherweise davon profitiert hat. Und sich am Ende – so wie ich es bei vielen Kollegen und Medienhäusern zumindest vermute – ein kleines Hintertürchen offen hält.

In dem Fall muss er leider – auch wenn ich immer wieder begeistert bin, was er alles auf die Beine stellt – herhalten, um mein Gefühl zu beschreiben. Nicht, weil ich es bei ihm besonders schlimm finde. Sondern einfach, weil er der Einzige ist, der das Hintertürchen auch transparent offenlegt – ob bewusst oder unbewusst.

Auch stern.de macht mit – leider
Auch stern.de sucht die schnellen Klicks – leider | Screenshot: stern.de

Abheben von heftig.co – nicht nacheifern!

Das ist es, was mich so sehr stört. Wollen wir Qualität oder Quantität? Wollen wir Leser oder schnelle Klicks? Heftig.co wird den Journalismus nicht angreifen, wie von einigen Kollegen in der letzten Zeit ebenfalls befürchtet. Die Seite zeigt uns ganz im Gegenteil, wie wir uns von unjournalistischen Nervportalen abheben können. Eine Frage des Journalismus wird daraus nur, wenn wir dem Clickbaiting-Erfolg hinterherrennen wie ein Eichhörnchen auf Speed seinen Nüssen.

Denn dann laufen wir wirklich Gefahr, uns irgendwann nicht mehr abzuheben. Qualitativ hochwertige Themen finden ihre Leser auch ohne solche Teaser. Und sie werden auch geteilt. Clickbait ist kein neues Phänomen. Es war schon immer nervig. Aber durch den „Heftigstyle“ hat es klar erkennbar eine neue Dimension erreicht.

Ich finde: Entweder man hat seine kritische Meinung zu dieser Stilform (die irgendwann auch den letzten Nutzer nerven wird – davon bin ich überzeugt!) und hält sich entsprechend konsequent daran. Oder man setzt auf sie – dann aber bitte ebenfalls konsequent und ohne sich zu wundern, dass man in eine Schublade mit den Klicknutten gesteckt wird. Nur diese latente Ablehnung, der Neid auf die Zahlen von heftig.co, der in der letzten Zeit bei vielen Kommentaren mitschwang und dann das Ausnutzen der Mittel – das passt nicht zusammen.

Und das nervt mich. Ganz gewaltig sogar.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

39 Gedanken zu „#Heftigstyle: Bitte hört auf mit der Prostitution!“

  1. Hi Tobias

    Wenn Du Qualität einforderst, dann solltest Du auch Qualität liefern. Diesen einen (!) berühmten Tweet von @ZDFheute habe ich geschrieben. Es handelt sich dabei um lediglich einen einzigen Tweet, der nach Clickbait riecht.

    Falls Du Dir die Mühe gemacht hättest, all unsere Tweets anzuschauen, wüsstest Du, dass wir nicht auf Clickbait setzen. Das war ein Test (der auch noch extrem gut funktioniert hat mit Blick darauf, dass die Weltbank und Uganda 56 Retweets erhalten haben).

    Jetzt mal tief durchatmen und Hausaufgaben machen. Und nicht für Clickbait-Artikel Fakten verdrehen.

    Danke, Martin

    1. Hi Martin,

      danke für deinen Kommentar. Ich wüsste nicht, wo ich behauptet hätte, dass es mehr Tweets waren. Bei anderen Medien sind es auch nur wenige Tweets/Posts/Überschriften – nervig ist das dennoch.

      Das Problem bei den 56 Retweets ist ja, dass a) genau das es ist, was ich meine mit „Qualität vor Quantität. Will das ZDF nicht lieber 15 Retweets von Leuten, die es tatsächlich interessiert/teilenswert finden?

      Zudem – b) – ist auch die Frage, wie viele ihn wegen des Stils geteilt haben, um darauf hinzuweisen, dass ihr damit experimentiert. Alles spekulativ, klar. Aber hier von Erfolg zu sprechen finde ich gewagt.

      Des Weiteren habe ich nicht umsonst auch den Folgetweet mit der Begründung eingebunden, die ich fragwürdig fand.

      Aber schön, dass ihr bei dem einen Mal geblieben seid.

      Grüße, Tobias

      1. Ich häng mich mal hier ran: Es wird ja seitens heute behauptet, dass „[…] wenn es inhaltlich korrekt ist, spricht nichts dagegen.“ und auch du bescheinigst ihnen, dass es „inhaltlich korrekt“ wäre.

        Das stimmt so aber nicht. Denn, sie unterstellen, dass ich nicht glauben würde, was die Weltbank dann gemacht hat. Das wird in manchen Fällen stimmen, in anderen nicht und Fakt ist es schon gar nicht.

        Und damit auch nicht inhaltlich korrekt.

    2. Eigentlich bestätigt dein Kommentar den Text von Tobias doch nur, auch wenn du schreibst, dass es nur ein „Test“ war.

      Ein Test wofür? Ob diese Art der von Tweets akzeptiert wird oder ob das die Klickzahlen steigert?
      Warum testet man denn etwas? In der Regel doch weil man es nutzen möchte.
      Da du sagst, dass das „extrem gut funktioniert hat“ ging es wohl um die Klickzahlen.

      Der Schritt ins Überschriftenterritorium von Heftig.co ist wie die Abbildung eines täglich neuen Seite 1 Mädels auf heute.de, einfach nur mal als „Test“.

      Sollte man als seriöses Medium nicht tun.

      Ich sehe eine dunkle Zukunft für (Online-)Journalismus, mit dem Aufstieg von native Advertising (siehe dazu auch den gestrigen Artikel von Stefan Niggemeier, am Ende musste ich fast weinen – und das stimmt sogar wirklich), SEO um jeden Preis, Klickstrecken ohne Mehrwert und nun eben „Heftigstyle“.
      Mir graut es vor dem Tag an dem auf sueddeutsche.de eine Überschrift „Sie werden nie glauben was Angela Merkel mit Obama besprochen hat“ lautet.

    3. Werter Martin,

      es tut mir ja leid, aber sowas ist mehr als nur nervig – denn bei Überschriften und Teaser von Medien, die sich für ansatzweise seriös halten, erwarte ich den ersten Erkenntnisgewinn (und das Verbot von Homosexualität in Uganda ist keiner) in Überschrift bzw. Teaser.

      Außerdem: Wenn sich dann ein Medium solcher „Techniken“ bedient, das den Ruf des ZDF genießt, dann wirkt das so wie ein 80-Jähriger, der mittels Rollator aus dem Seniorenheim ausgebüxt ist und in Regenbogenklamotten mit nacktem Arsch auf dem CSD herumkrebst, nur um mal wieder unter Leute zu kommen, die dem Tod nicht ganz so nahe stehen. „Lächerlich“, „armselig“ und „verzweifelt“ sind da noch die freundlicheren Vokabeln, die mir dazu einfallen…

  2. Das war ein Test (der auch noch extrem gut funktioniert hat mit Blick darauf, dass die Weltbank und Uganda 56 Retweets erhalten haben).

    Aber dann muss man sich natürlich auch die Frage stellen, was diese 56 Retweets (einem als Nutzer/Institution) bedeuten, also für was sie möglicherweise stehen. Viele Leute empfehlen/retweeten ja mittlerweile Beiträge, die sie nicht einmal selbst gelesen haben. Insofern dürfte die Währung Retweet, wie Du sie hier aufführst, Martin, kaum etwas wert sein. In diesem speziellen Falle ist – mehr noch – davon auszugehen, dass „der Andrang“ hauptsächlich dadurch zustande kam, dass der Tweet eben reißerisch aufgemacht war (und manche Leute den Text vielleicht sogar tatsächlich gelesen haben ;-)).
    Naja, mehr Inhalt und weniger Teasing wären jedenfalls bei so manchem Medium schön…

  3. Danke, Herr Gillen!

    In Grenzen ist es noch lustig, wenn man erkennbar das (übrigens in lausigem Deutsch verfaßte) Heftig-Geseire karikiert. Aber auch das dürfte sich relativ schnell totlaufen.

    Insgesamt bin ich allerdings optimistisch: Außer pubertierenden Pipimädchen dürfte kaum jemand mehr als einmal die Heftig-Seite aufrufen. Die Masche ist nun doch mehr als durchsichtig; die in der Überschrift versprochene Sensation bleibt regelmäßig aus.

    Es gilt also auch hier die Kölsche Karnevalsweisheit: Die Karawane zieht weiter, der Sultan, der hat Durst…

    PS 1: Herr Gillen – wollen Sie wirklich Buzzfeed und Heftig in einen Topf werfen? Ich finde schon, daß es mehr als nur graduelle Unterschiede gibt.

    PS 2: @ Martin vom ZDF: Die Formulierung war daneben.

    1. Lieber Herr Müller,

      danke für Ihren Kommentar. Nein, ich möchte die beiden nicht in einen Topf stecken – zumindest inhaltlich. Aber wie man Leute auf die Seite bekommt, das haben beide gemeinsam. War also nur auf die Überschriften / Teaser / Postings bezogen.

      LG, Tobias

  4. Ich verstehe die Tweets dieser Medien (ZDF, 11 Freunde, etc.) als Satire. Dieser satirische Zugang sei ihnen gegönnt… für ein paar Tage, vielleicht zwei Wochen. Wer dann noch solche Tweets bringt, sollte auf kritische Rückfragen eine gute Antwort parat haben.

    1. Eben diese Satire (in meinen Worten „unterschwellige Ironie“) ist es aber ja, was mich so sehr stört. Das ist dieses Hintertürchen, im Zweifel war es dann eben Satire oder Ironie…

  5. Mir geht diese Art von Überschriften auch tierisch auf den Wecker. Bis vor zwei Tagen wusste ich nicht, was es mit diesem Trubel um heftig und buzzen und wasweißichnicht auf sich hat. Nachdem ich nun diesen Artikel las, ist mir schlagartig bewusst geworden, dass ich mich schon letzten Dezember in meinem Blog darüber aufgeregt hab als es damals drum ging, dass Michelle Obama laut Überschrift angeblich eifersüchtig auf eine „unbekannte Blondine“ war (die sich dann als dänische Regierungschefin herausstellte), die bei der Trauerfeier Nelson Mandelas neben Barack Obama saß (im Nachtrag unter folgendem Link: http://malguckenwielangeichblogge.blog.de/2013/12/11/motz-mittwoch-17370970/ – ob ihr draufklickt oder nicht ist mir egal, die Info oben reicht auch ;) ).

    1. Sehr sympathisch – hier ein Link, aber Klicken ist eigentlich nicht so richtig nötig. Wie viel effizienter das Web doch sein könnte, wenn alle so wären :))

  6. Moin sagen!

    Dies hier ist ja nun nicht der erste Rant, der zum Thema „Heftig“ in die Welt gesetzt wurde – und was mich immer gestört hat, war die Verbindung zum Journalismus. Ich wage mal die These, dass jeder auch nur halbwegs denkende Mensch dazu in der Lage sein dürfte, intelligente Themenvermittlung von dem zu trennen, was diese Emotionsschleudern liefern.

    Wenn Informationen Lebensmittel sind, ist Heftig ein Bubblegum. Essbar, aber keine Nahrung.

    Wenn irgendwer aus dem Bereich des Journalismus tatsächlich ernsthaft erwägen sollte, diese Form des Teasers verwenden zu wollen, dürfte er sich bei jedem auch nur ansatzweise denkenden Menschen dermaßen als Journalist disqualifizieren, dass er dauerhaft unglaubwürdig würde. Und ich hoffe, dass sehen die Chefredakteure der Onlinemagazine genauso – und geben eine entsprechende „Wer’s versucht, fliegt!“-Rundmail raus.

  7. Hallo Tobias,

    das Problem bei Portalen wie Heftig und Co. ist doch, dass der Text eigentlich nie das einhält, was im Teaser versprochen wird. Doch was ist falsch daran, wenn Journalisten gewisse Leseanreize im Vorspann setzen? Auch wenn es nicht unbedingt „verändert dein Leben“ oder „musste ich weinen“ sein sollte. Aber wenn der Text einhält, was der Cliffhanger verspricht, dann ist das doch völlig legitim.

    Ich glaube, dass Journalisten von Heftig und Co. lernen können: http://www.joergbreithut.de/was-wir-von-heftig-co-lernen-koennen/

    1. Lieber Jörg,

      vielen Dank für deine Antwort und den Text in deinem Blog, auf den ich mich hiermit beziehen möchte:

      Ich möchte ja gar nicht, dass wir weitermachen wie bisher oder aufhören, zu experimentieren. Was mich stört, ist, dass viele Kollegen angewidert sind von Überschriften / Teasern / Zahlen von heftig.co – und im Gegenzug selbst versuchen, damit Klicks zu generieren. Mich stört das fehlende Rückgrat und dieses ironische Hintertürchen, das sich manche offenhalten.

      Mal ganz davon abgesehen, dass ich und – das zeigen auch die Reaktionen auf diesen Text hier – ziemlich viele Leser tatsächlich genervt sind von diesen überdrehten Cliffhangern.

      Ich jedenfalls möchte nicht Portalen wie heftig.co hinterhereifern. Warum schaffen wir Journalisten es nicht mal, etwas eigenes zu finden? Warum müssen wir uns dermaßen anbieten? Reicht Qualität nicht mehr? Und warum muss das ZDF bei einem Thema wie dem “Anti-Homo-Gesetz” in Uganda einen überdrehten Cliffhanger einbauen?

      Ich gebe zu: Vielleicht bin ich in meinem Text ein bisschen radikal und sollte mehr Experimentierfreude “zulassen”. Aber er spiegelt meine Gefühlslage wieder – und die ist momentan eben ziemlich genervt vom Heftigstyle bei deutschen Medien.

      Liebe Grüße,
      Tobias

      1. Die Überschriften von Heftig.co und anderen vergleichbaren Seiten versprechen Höhepunkte, emotionale Höhepunkte.

        Aber wenn alles ein Höhepunkt ist, dann hat man ein Plateau – und das ist in der Regel oben drauf flach.

        Diese emotionalisierte Schiene ist auch nichts was langfristig tragbar oder gesund sein kann, ein Bericht über eingefrorene Kredite soll mich nicht zum lachen oder weinen bringen, er soll informieren.

        Und selbst wenn ich zum lachen oder weinen gebracht werden möchte, dann fühle ich mich irgendwann bei Heftig-Überschriften wie ein Automat, ein pawlowscher Hund, bei dem ein „Journalist“ ein paar Wörter von einer hochoptimierten Liste einstreut um irgendwelche unterbewussten Ebenen bei mir anzusprechen.
        Deshalb ja auch meine Abneigung gegen SEO um jeden Preis, wo es auch nicht mehr darum geht Leser oder Nutzer als Mensch zu respektieren sondern nur noch darum sie industriell optimiert auf und durch eine Seite zu schleusen, für möglichst viele Page Impressions.

    2. Das Problem ist, wenn 80 Pozent oder mehr solcher Teaser im Text nicht halten, was der Teaser verspricht, dann ist schon die äußere Form „Teaser mit Cliffhänger“ ein Grund, diese zu ignorieren.
      Egal, woher der Teaser kommt.
      Dann verliert auch eine seriöse Quelle, weil die Form schneller wahrgenommen wird. Statt Klicks zu bekommen, verliert die Quelle Aufmerksamkeit.

  8. Ich glaube, dieser Diskurs könnte mittlerweile auch auf eine Metaebene gestellt werden: Wird das Internet, was Information und / oder Unterhaltung anbelangt, zum Medium der „Unkultur“?

    Alles was an digitalen Trends in den letzten Jahren gehypt wurde, was angeblich die klassischen Formate, Konzepte und Medien „revolutioniert“, entbehrt, meiner Meinung nach, jeglicher Qualität – von unkreativen, unwitzigen Youtubern mit einem Publikum aus 12jährigen bis hin zu diesem Phänomen des „Heftig-Journalismus“ aktuell. Das vermeintliche Qualitätsmedien und -journalisten auf solche Züge aufspringen, stimmt micht nicht nur ärgerlich, sondern besorgt…

    1. Klare antwort: Jein.

      Das Internet ist wie alle anderen Medien auch nur ein Spiegel unserer Gesellschaft, d.h. es ist davon auszugehen, dass im Netz dieselbe Un/kultur herrscht wie anderswo auch.

      Um auf dein spezielles Beispiel einzugehen spricht die Tatsache, dass auf Youtube gequirlte Kacke ganz besonders erfolgreich ist, nicht dagegen, dass es daneben ein immenses Angebot (variierender Qualität) für verschiedenste Zielgruppen gibt.

      Wenn ich mich nicht irre, lässt sich mit Flüssigkot auch im Fernsehen ganz famos Quote machen oder aber eine Zeitung namens „Bild“ befüllen und verkaufen.

      „Heftigstyle“, Pewdiepie und Mario Barth sind keine Armutszeugnisse für ihr jeweiliges Medium, sondern eher für unsere Gesellschaft ;)

  9. danke für den text!

    in mir lösen diese reißerischen überschriften ganz genau zwei dinge aus:

    1. sie werden nicht angeklickt und nach möglichkeit ignoriert.

    2. jedes seriöse medium, dass diesen „stil“ nutzt, sinkt im ansehen und vor allem in der glaubwürdigkeit.

    wenn also z.b. das zdf nachrichten dergestalt anteasert, und sei es als einmaliger „test“ (wobei ich SILen(e recht gebe, wer testet macht es, um etwas gegebenenfalls zu nutzen), ist das der erste schritt, um nicht mehr ernst genommen zu werden. egal wie gut der text hinter dieser überschrift sein mag.

  10. Damit man drauf antworten kann, hier nochmal die Anmerkungen aus meinem Tumblr zum Thema :-):

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass keine Spezies schneller genervt ist als Journalisten. Dieses Gefühl stellte sich auch wieder ein, nachdem ich diese grundsätzliche Kritik daran, dass sich derzeit viele Medien am “Heftig-Style” versuchen, gelesen hatte. “#Heftigstyle: Bitte hört auf mit der Prostitution!” fordert darin der Autor seine Journalisten-Kollegen auf. Ähnlich lautende Statements habe ich auch in den Tagen zuvor schon gelesen.

    Es gibt sicher einiges, das man an diesem Stil kritisieren kann, der größtmögliche Aufmerksamkeit mit größtmöglich emotionalisierten (und manchmal falschen) Versprechungen erreichen will. Und sicher gibt es auch genügend Kritikpunkte, die man am Geschäftsmodell der derzeit überaus erfolgreichen Seite Heftig.co anbringen kann, die die Welle losgetreten hat. Heftig.co, nun Namensgeber dieses Stils, hat das übrigens nicht erfunden. Die Seite gibt es erst seit diesem Jahr, die Machart schon länger. Nur wendet Heftig.co das selbst derart heftig an, dass es schon völlig überspitzt wirkt.

    Aber die Kritik, dass Medienmacher mit dieser Art der Aufmerksamkeitsgenerierung experimentieren, teile ich ebenso wenig wie die Kritik, dass sich Journalisten dieses Stilmittels ironisch bedienen. Ich bin der Meinung: Nun lasst die Leute doch mal ausprobieren! Ist doch gut, wenn sich Journalisten intensiv mit Text und seiner Wirkung befassen!
    Fakt ist: Der “Heftig-Style” funktioniert! Das belegen eindrucksvoll die Zahlen, die zu Heftig.co kursieren.
    Und Fakt ist ebenfalls: Viele Medien und Journalisten stehen dem Erfolg von Inhalten im Social Web ratlos gegenüber, wissen oft genug nicht einmal, wie sie irgendeine Leserschaft in diesem Internet überhaupt erreichen können.

    Deshalb finde ich es nicht verwerflich, wenn neue Wege ausprobiert werden – auch oder gerade weil es Kritik daran gibt.
    Klar ist doch auch: Wenn plötzlich zig Redaktionen damit anfangen, zu experimentieren, wird schnell eine Masse erreicht, die der ein oder andere als nervig empfinden mag. Journalisten sind hier aber auch in einer Sonderrolle, denn sie bekommen die geballte Ladung mit, die der Durchschnittsnutzer so nie zu sehen kriegt.

    Aber wenn ein Journalist 15 Minuten auf einen kurzen Text im Heftig-Style verwendet, finde ich das noch allemal besser, als wenn er in weniger als 30 Sekunden eine lieblose 08/15-Überschrift hinrotzt. Was dabei rauskommt, lässt sich nämlich vielfach bei wir-schicken-wen begutachten – und das ist auch ziemlich heftig und nervt die Leser wirklich!

  11. Das ZDF hat im Schnitt einige Millionen Zuschauer, Twitter 255 Millionen Nutzer im Monat. 56 Retweets werden schon mit „extrem gut“ bewertet. Kann es sein, dass langsam die Maßstäbe verloren gehen?

    Heftig verfolgt offenbar nur das Ziel, dass die Artikel angeklickt werden. Gelesen werden muss das Zeug wohl nicht. Nur Klicken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies für eine Nachrichtenseite reicht. Ich gehe davon aus, dass Anbieter wie das ZDF noch die Nachricht selbst verbreiten wollen. Auch Kommerzielle Anbieter werden weiterhin ihre Produkte verkaufen wollen und nicht mit einem Klick zufrieden sein.

    Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass Clickbaiting nur für diejenigen interessant ist, die nicht darauf angewiesen sind, irgendetwas in irgendeiner Weise verkaufen zu müssen.

    1. Und man muss schon ein ganz schöner idiot sein, um anhand dieser info so eine allgemeingültige aussage zu treffen. Oder hab ich was nicht gemerkt und bin wirklich ein idiot? Dann sicher nicht der einzige hier

  12. Müssen wir uns tatsächlich um all die Millionen Deppen sorgen, die auf solch Schwachfug reinfallen, das (oft auch noch geklaute) Zeugs lesen und dann – macht ja keine Mühe – auf irgendwas klicken?
    Ist das nicht deren Sache? Deren Unsinn?
    Muss man darüber berichten?
    Wieso?
    .
    Aber wer selbst Facebook, Twitter, Google+ und noch einen nutzt, wie man hier oben rechts auf der site sehen kann, sollte sich natürlich sorgen.

  13. Es ist schon richtig, sich mal aufzuregen, wenn es einem falsch vorkommt. Eine vernünftige Headline oder twitter-Message schreiben erfordert, beim sachlichen Inhalt zu bleiben, und führt nicht in die Irre. Alles andere ist Guerilla-Journalismus im Boulevard-Style. In Zeiten, in denen jeder in jede Richtung beliebig Content-Syndication nutzt, führt dies dazu, dass jeder überall den Content vervielfacht und einfach nur Masse erzeugt wird. Redundanz at it’s best und das Auffinden eigentlich relevanter Informationen wird eher schwerer.
    Ob die Clickrate ausreicht, einen Beleg und eine finanzielle Basis für trad. oder vermeintlich neuen „Journalismus“ zu liefern – ich glaube es nicht. Würde man das Business Modell des Journalismus bzw. der Zeitung mal unter die Lupe nehmen, dann käme man drauf, dass …
    … wir nicht auf einen Artikel warten wollen, weil der Adserver noch Zeit braucht beim Zugriff
    … wir nicht alles 5 – 10 mal lesen wollen
    … schon gar nicht mehr Werbung auf mehr Plattformen für den Adressaten interessant ist.
    Das gilt für gb, twitter und aggregierte Newsportale

  14. Es gibt genügend SEOS, die auf ihren Seiten haarklein erklären, wie Blogger ihre Überschriften formulieren sollen, um erfolgreich zu werden. Und da im Internet irgendwie jeder von jedem lernt, überrascht es eigentlich nicht, dass auch die „Qualitätsmedien“ sich hinreißen lassen.

  15. Die Genervtheit kann ich verstehen. Ich denke aber, dass es sich lohnt zu analysieren, warum diese Art von Teaser so erfolgreich ist. Und dass es sich lohnt, selbst damit zu experimentieren, welche Aspekte davon man übernehmen kann und will.

    Ob zu diesem Experimentieren auch gehören muss diesen Stil ganz offensichtlich zu kopieren, ist sicher Geschmackssache. Aber ich kann verstehen, dass so mancher einfach mal gucken will, ob das Wunder auch mit den eigenen Inhalten passiert. Natürlich ironisch augenzwinkernd. Weil: „das ist natürlich nicht mein Stil“. Das ist so wie der Typ, für den Autos Fortbewegungsmittel sind, der sich dann aber doch mal n Angeber-Auto ausleiht, um zu gucken, ob die Frauen ihn dann wirklich anders wahrnehmen. Man kann das peinlich nennen. Oder mutig. Wahrscheinlich ist es beides.

    Aber ich denke, die meisten werden in ihren eigenen Versuchen nicht so weit gehen, sondern abgeschwächter experimentieren. Denn Cliffhanger kann man ja auch in seriöserem Ton nutzen. Und man kann auch ohne „du wirst gerührt/verblüfft/etc. sein“-Aussagen mehr auf positive Emotionen setzen. Journalistische Themen sind ja auch nicht gefühlsneutral. Es gilt halt nur meist das als besonders seriös, was eher negative Emotionen bei den Leuten auslösen (Sorgen, Ärger). Aber ob das so gerechtfertigt ist? An dem Bedürfnis nach Inhalten, die positive Emotionen auslösen, finde ich nichts, was man abwerten müsste.

  16. Mir kommen zu dem Thema zwei Gedanken:

    1) Zum einen nerven mich diese Überschriften auch, ich halte sie aber legitim, solange sie funktionieren. Ein „iih, das find ich doof, das ist mir zu platt“ ist eine legitime Einstellung, kann aber auch von Qualitätssnobbismus zeugen. Überschriften sind Marketing, und wenn Marketing funktioniert, hat es seinen Zweck erfüllt. Klar, man kann „stilvolles“ Marketing machen, aber am Ende zählt was hinten rauskommt. Und solange die Überschriften nicht lügen ist alles gut.

    2) Das Plädoyer zur Übernutzung: Wie alles, was exzessiv genutzt wird, wird auch diese Taktik irgendwann an Effizienz verlieren. Darauf kann man warten (sehnlichst!) oder man kann was dazu beitragen in dem man *alle* Überschriften so umschreibt. Aber wirklich alle. Und nachdem wir dann kollektiv das große Kotzen bekommen haben ist’s hoffentlich schnell vorbei ;)

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