Input (1): Social Media vs. RSS-Reader

Input (1)

Als Journalist bin ich immer auf der Suche nach Themen, Zusammenhängen und Infos rund um meine Themengebiete Medien, Social Media und Technikkram. Zu diesem Zweck nutze ich einige Tools, um Nachrichten zu aggregieren und für mögliche spätere Recherchen abzuspeichern – etwa einen RSS-Reader, die sozialen Netzwerke oder Read-it-Later-Dienste wie Instapaper. Im Zuge der baldigen Google Reader-Schließung stellte sich kürzlich im Netz die Frage, ob RSS-Reader noch zeitgemäß seien und wie der beliebte Google Reader ersetzt werden könne. In meiner kleinen Blog-Reihe „Input“ stelle ich mir nach und nach allerhand Fragen rund um RSS und Nachrichtenaufnahme. Im ersten Teil geht es um die Frage, ob soziale Medien den RSS-Reader vollends ersetzen können.

Unser Medienkonsum – und damit meine ich nicht nur Journalistinnen und Journalisten, die auf ständigen Nachrichten-Input angewiesen sind – hat sich seit Twitter und Facebook grundlegend verändert. Wo wir früher noch die Zeitung oder das Wochenmagazin durchblättern mussten, um Themen zu finden, die uns interessieren, kommen die Themen heute wie von selbst zu uns. Durch unseren Freundeskreis auf Facebook oder die ausgesuchten Kontakte auf Twitter oder Google+ werden wir Teil eines großen Komplexes, der auf dem gegenseitigen Verbreiten und Empfangen von relevanten Nachrichten beruht.

Gleiche Grundidee – verschiedene Umsetzungen

Doch bereits vor den sozialen Entwicklungssprüngen des Netzes gab es eine Möglichkeit, sich relevante Nachrichten so zukommen zu lassen, wie man sie braucht. Als im Jahr 2000 der RSS-Standard vorgestellt wurde, boten sich plötzlich ganz neue Input-Möglichkeiten. Man konnte den Feed von Websites, Blogs oder Podcasts abonnieren und sich so ein ganz eigenes Nachrichtenangebot im Rosinenprinzip zusammenstellen und das Wichtige rauspicken.

Von der Grundidee sind soziale Medien und RSS also exakt gleich – zumindest, was den Punkt der Nachrichtenaufnahme betrifft. In der Umsetzung allerdings unterscheiden sich beide Möglichkeiten deutlich. Bei Social Media entscheidet mehr oder minder das Zufallsprinzip, ob und wenn ja, wann ich interessante Links, Tipps, Hinweise oder Inspirationsanregungen erhalte. Bin ich gerade nicht online, bekomme ich keine News – ganz einfach. Hier hat der RSS-Reader einen großen Vorteil: Ungelesene Artikel werden solange als ungelesen markiert, bis ich sie entweder lese oder den „Mark all as read“-Button betätige.

In einem zweiwöchigen Urlaub steigt die Anzahl der ungelesenen Artikel zwar kongruent schnell zu der der ungelesenen E-Mails, aber selbst wenn ich nur die Überschriften überfliege, habe ich nach dem Urlaub wieder einen guten Anschluss an den Stand der Dinge. Bei Twitter oder Facebook kann ich zwar auch zwei Wochen zurückblättern, aber sind wir ehrlich… Im sozialen Netz steigt man da wieder ein, wo die Freunde und abonnierten Accounts gerade sind. Vom Tempo des schwächsten Glieds ist hier also nichts zu spüren. Dafür aber wenigstens noch ein bisschen von der Vielfalt, die wir durch den RSS-Reader verlieren. Wenn wir nur die Seiten unserer Interessensgebiete abonnieren, bleiben neue Themen fast außen vor. Anders als bei den Google- oder Facebook-Algorithmen bekommen wir keine Blase („Filter Bubble„) um uns herum gebaut. Wir bauen sie uns gleich selbst. Durch die Nutzung von Twitter und Facebook haben wir zwar auch unsere Blasen in Form unserer Abonnements und Freunde, jedoch hat diese Blase eine so geartete Oberfläche, dass auch andere Themen wenigstens hin und wieder mal in sie eindringen können.

Fazit: Keine Konkurrenz

Konkret bedeutet das, dass sich RSS und Social Media meiner Meinung nach nicht in direkter Konkurrenz zueinander befinden. Für den täglichen News-Input ergänzen sich beide Möglichkeiten ganz gut, auch wenn es natürlich hin und wieder Überschneidungen gibt. Sicherlich ist es schicker, sich mit Flipboard das eigene Nachrichtenmagazin zusammenzubasteln und die Nutzung von Twitter und Facebook macht deutlich mehr Spaß, als einen öden RSS-Reader zu überfliegen. Aber verzichten könnte ich auf diese Möglichkeiten nicht mehr. Für mich persönlich ist RSS eine wiedergefundene Lösung, auch ohne permaonline zu sein, meine Themengebiete im Blick zu behalten. Es gab eine Zeit, da habe ich auf RSS vollends verzichtet und mich nur auf Social Media verlassen – und dadurch auch einige spannende Themen ausgelassen.

[highlight]Wie seht ihr das? Nutzt ihr noch RSS oder sind die sozialen Netzwerke eure Favoriten? Welche anderen Möglichkeiten nutzt ihr zur Informationsaufnahme?[/highlight]

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

11 Gedanken zu „Input (1): Social Media vs. RSS-Reader“

  1. Hallo Tobias,

    du nimmst mir die Worte aus dem Mund. ;-) Genau dieselben Gedanken hatte ich mir die Tage auch gemacht. Ich wollte die Flut einfach mal kanalisieren und hab mir desshalb Feedly installiert.
    Danke für deinen Beitrag.

    Grüße
    Rainer

  2. Hallo Tobias Gillen.

    Ja die Ansichten und Vorgehensweisen sind geteilt. Einige haben sich schon vom RSS Feed verabschiedet und generieren sich Ihre Informationen ausschließlich in ihren Social Networks, andere wie ich, nutzen weiterhin den RSS Feed für ihre Informationsbeschaffung.
    Also hoffe ich das es den RSS Feed noch lange geben wird.
    Wer, so wie ich, auch gerne alles per RSS Feed abonniert, empfehle als Ergänzung zu diesem Artikel meine Serie: Wie erstelle ich einen RSS Feed?
    http://mediaimpulse.net/wie-erstelle-ich-einen-rss-feed/

    Ich freue mich schon auf den nächsten Teil Ihres Artikels.
    Viele Grüße
    Markus

  3. Hi Tobias, hallo Markus,
    vielen für eure Beiträge. Ich selbst nutze RSS sehr gerne. Allerdings fühle ich mich von der Informationsflut oft erschlagen. In den sozialen Netzen steige ich nach einer Abwesenheit in der Gegenwart wieder ein, wobei ich im RSS Reader alle ungelesen Beiträge der Vergangenheit angezeigt bekomme. Da ich zu neugierig bin und Angst habe etwas zu verpassen – ist es super schwer den Reader einfach auf 0 zu setzen. Wie geht ihr damit um? Selbst das Überfliegen der Artikelüberschriften, wie Tobias schreibt, macht sehr viel Arbeit und ist zeitintensiv. Also doch lieber Mut zur Lücke?
    Insgesamt hoffe ich auch, dass es RSS noch eine Weile geben wird, denn die sozialen Netze sind einfach zu unübersichtlich!

    Gruß,
    Steven

    1. Hi Steven,

      Natürlich schaue ich nach einem zweiwöchigen Urlaub keine 10.000 Überschriften durch, aber es bringt doch einen kleinen Überblick, wenn man mal drübergucken kann – seien es auch nur 50 Überschriften.

      Ich tue mich auch schwer damit, den Reader mal auf 0 zu setzen, aber hast du den Mut zur Lücke bei Social Media nicht auch?

      Liebe Grüße, Tobias

      1. Hallo Tobias!
        Ja natürlich habe ich den Mut zur Lücke bei Social Media. Muss man auch. Gerade wenn man sich überlegt wie enorm sich die Informationsflut seit dem vervielfacht hat und wenn man auch noch andere zu tun hat. :)

  4. Hi Tobias,
    ich bin ganz klar für RSS und hoffentlich, wird diese Art des Informationskonsums uns nie verlassen. RSS hat gegenüber den Social Networks viele Vorteile, indem man alle Inhalte zentral abrufen kann ohne lange stöbern zu müssen. Man kann diese Inhalte auch später lesen. Bei Social Networks verschwindet alles nach Minuten im Nirgendwo. Ich nutze derzeit sehr oft RSS und habe mich für den RSS-Reader namens Feedly entschieden. Tollen Artikel hast du geschrieben :-).

  5. SM ist Unterhaltung für Angler, RSS ist hardcore fishing für Nachrichtenjunkies.

    RSS ist XML. XML bedeutet strukturierte Daten. Strukturierte Daten sind vielfältig verwendbar.
    Lasse ich automatisierte Datenfilter ständig über die Daten laufen, dann erhalte ich smart feeds, in denen genau das enthalten sein muss, was ich konkret suche (-n lasse).

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