Interview: Besser nicht den Helden spielen

Am 28. April 2011, in Interviews, von tobiasgillen

Im Zuge meiner Recherche zur Jugendkriminalität traf ich mich mit dem Außenstellenleiter der Opferschutzbehörde “Weißer Ring” e.V. Euskirchen Rudi Esch zu einem Interview. Dieses ist heute im KStA auf Seite 34 erschienen.

Rudi Esch, Leiter der Außenstelle des Kreises Euskirchen vom Verein „Weißer Ring“, spricht über seine Arbeit mit Opfern und seine Tätigkeit bei der Organisation.

Was macht der Verein „Weißer Ring“?

Der eingetragene Verein „Weißer Ring“ hilft Kriminalitätsopfern. Unsere Hauptaufgabe ist das Betreuen von Opfern, das Beiseitestehen bei juristischen Terminen, das Zuhören und Reden, aber auch ganz besonders die Prävention. Ich denke, gerade bei jungen Menschen kann man noch viel in den Köpfen verändern. Außerdem sind wir für Opfer auch eine Art Hilfsorganisation. Wir bezahlen beispielsweise eine Erstberatung beim Anwalt, in der viele Fragen geklärt werden.

Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen? Und was machen Sie genau?

Neben meinem Beruf als Kaufmann war ich als Schöffe beim Amtsgericht tätig. Von dort kannte ich immer die Seite der Täter. Als ich nun vor wenigen Jahren die Wahl hatte, wohin mein „Unruhestand“ mich führt, entschied ich mich, mich nun für die Seite der Opfer zu engagieren. Seit 2007 bin ich Leiter der Außenstelle Kreis Euskirchen des „Weißen Rings“.

Sie kommen häufig mit Opfern schlimmer Gewalttaten in Kontakt. Wie verarbeiten Sie das?

Ich kann nicht sagen, dass es mich ganz kalt lässt. Manchmal denke ich auch im Auto noch darüber nach, aber für eine unbefangene Beratung und eine konstruktive Hilfe bedarf es einer Art innerer Schutz. Wenn ich mich zu sehr emotional mitreißen ließe, wäre ich nicht in der Lage, vernünftig zu unterstützen. Ich lasse es einfach nicht an mich heran.

Wie hat sich Ihrer Ansicht nach die Jugendkriminalität verändert, vor allem hier im Kreis Euskirchen?

Die Quantität bleibt, aber die Qualität verändert sich. Das Problem ist, dass die Grenzen immer wieder verschoben werden. Früher war Schluss, wenn jemand am Boden lag – heute wird weiter getreten und geschlagen.

Wie kann man kriminellen Übergriffen am besten aus dem Weg gehen?

Ich halte nichts von falschem Mut. Wenn man in der schwächeren Position ist, sollte man die geforderten Gegenstände wie Handy oder Geldbörse herausgeben und nicht den Helden spielen. Gegenstände sind zu ersetzen, der Körper nicht. Grundsätzlich sollte man – wenn möglich – sichere Wege gehen und frühzeitig die Straßenseite wechseln. Man sollte sich gar nicht erst auf eine Provokation einlassen.

Wie arbeitet der „Weiße Ring“ mit der Polizei zusammen?

Wir arbeiten sehr eng und gut mit der Polizei zusammen. Der Kontakt zwischen Opfer und unserem Verein wird oft schon direkt durch die Beamten hergestellt. Außerdem gibt es das Opfernetzwerk, in dem sich viele Organisationen aus dem Kreis zusammengeschlossen haben, darunter auch Polizei und „Weißer Ring“.

Wie viele Mitglieder hat der „Weiße Ring“?

In der BRD 56.000 und im Kreis Euskirchen leider erst 150.

Wie finanziert sich der Weiße Ring“?

Der „Weiße Ring“ ist eine ehrenamtliche Organisation, wir erhalten keinen Zuschuss vom Staat. Alles, was wir bezahlen, finanzieren wir durch Mitgliedsbeiträge – für Jugendliche nur 1,25 Euro pro Monat – , Spenden, Bußgelder oder aus Testamenten.

Was war der bislang größte Moment für Sie beim „Weißen Ring“?

Als ein zwölfjähriges Mädchen uns bei der „Opferausstellung“ in Köln ins Gästebuch schrieb: „Herr Esch hat uns das alles so gut erklärt, dass ich im Leben niemals wegschauen werde, wenn etwas Böses passiert!“. Und als eine vierte Klasse einer Grundschule in Kirchheim uns einen großen Geldbetrag spendete, der unter anderem durch den Verkauf von Waffeln zusammengekommen war. Das sind Ereignisse die mich berühren und beeindrucken.

Wo kann man Sie finden, wenn man Sie braucht?

Erreichen kann man mich persönlich unter ☎ 0 22 51/7 77 58 70 und per E-Mail (rudi-esch@t-online.de). Ich kann nur jedem ans Herz legen, sich nach einem Kriminalitätsfall zu melden. Wir versprechen professionelle Hilfe, die bei manch einem Opfer schlimme Spätfolgen verhindern kann. Der „Weiße Ring“ ist aber auch mit einer Seite im Internet vertreten.

Das Interview führte Tobias Gillen.

Text:Tobias Gillen (gil), Bild: Weisser Ring e.V.

>> Dazu meinen Artikel zur Jugendkriminalität: Kriminalität: „Das Selbstbewusstsein leidet“

(via)

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