„Die Punchline muss catchen“: Wie Memes neugierig auf Journalismus machen können

Die Jugend entfernt sich vom Journalismus – neue Wege müssen her, um sie wieder auf Texte in Print und Online aufmerksam zu machen. Ein Weg sind sogenannte Memes, mit denen zwei junge Journalisten den Spagat zwischen Unterhaltung und Information schaffen wollen.

Das Meme Journal

Das Meme Journal

Die Jugend entfernt sich vom Journalismus – neue Wege müssen her, um sie wieder auf Texte in Print und Online aufmerksam zu machen. Ein Weg sind sogenannte Memes, mit denen zwei junge Journalisten den Spagat zwischen Unterhaltung und Information schaffen wollen.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf torial.com.

Viertausend Mal wurde der Selbstversuch von Moritz Deutschländer bei Facebook geteilt. Der 16-jährige Schüler hatte sich für eine Zugreise zum ersten Mal in seinem Leben eine Zeitschrift gekauft und seine Erfahrungen bei „SPIEGEL ONLINE“ aufgeschrieben. Enttäuscht sei er davon gewesen, ein großer Zeitungsleser werde er nicht mehr. Eingeleitet wurde der Text mit dem Schlagwort „Medienkrise“.

Nicht mit Medien-, sondern mit „Zeitungskrise“ überschrieb im August die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ den viel verlinkten Text „In eigener Sache“. Dort ging es um die 22-jährige Ella, die ebenfalls noch nie eine Zeitung gekauft hatte. Ihre Informationen hole sie sich, wie Moritz Deutschländer, aus dem Internet.

Dort sind die Nachrichten frei verfügbar, man bekommt mehr Auswahl und findet genau das, was man sucht. Allerdings zeichnet sich auch im Internet eine Entwicklung ab, die wohl in ein paar Jahren in Texten wie „Internetkrise: 19-jähriger Student hat noch nie einen Online-Artikel fertig gelesen“ münden könnte.

Wie kommt man an Moritz und Ella ran?

Dann nämlich, wenn der Journalismus in einen Überschriftenjournalismus verkommt, in dem Hintergründiges überlesen oder gar nicht erst angeklickt wird. In dem der tägliche Google-News-Überflug ein umfassendes Weltbild zu geben scheint, oder Nachrichten auf dem Mini-Display der Datenbrille oder der Smartwatch durchlaufen – womit der britische „Guardian“ und auch hiesige Medien längst experimentieren.

Wie stellt man sich dieser Entwicklung also entgegen? Mit neuen Wegen, selbstverständlich. Man kann natürlich eine knappe Million Euro von der Crowd einsammeln und dann ein Longread-Format auf Community-Basis etablieren, wie es aktuell die „Krautreporter“ mit Namen wie Richard Gutjahr oder Stefan Niggemeier versuchen. Das stützt dann die Fahnen für den Qualitätsjournalismus, die Texte sind mitunter brilliant und man würde die 60 Euro Jahresbeitrag wohl kaum bereuen. Aber an die sich vom Journalismus entfernende Jugend kommen auch die „Krautreporter“ nicht heran.

Es müssen also Wege her, die sich an die Konsumgewohnheiten von Jugendlichen anpassen. Da kommt Karsten Schmehl ins Spiel. Der junge Journalist, Volontär beim Hessischen Rundfunk, hat vor einiger Zeit zusammen mit Duygu Gezen von Radio Bremen das Projekt „Das Meme Journal“ gestartet.

Memes sind sich schnell verbreitende Multimedia-Inhalte, meist Bilder oder Videos, die zunehmend Einzug in die Social-Media-Kommunikation nehmen. Bekannt sind etwa die „Grumpy Cat“, eine finster dreinblickende Katze, die gerne als Reaktion auf etwas Unerfreuliches gepostet wird.

Aber auch politische oder gesellschaftliche Ereignisse werden zunehmend mit Memes dokumentiert und vor allem kommentiert. So erfreute sich etwa der „MemeRomney“-Tumblr im vergangenen US-Wahlkampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney großer Beliebtheit – und überzog den republikanischen Kandidaten mit Hohn und Spott. Ganz aktuell macht das Hashtag #CosbyMeme die Runde und stellt Bill Cosby wegen seiner Vergewaltigungsvorwürfe an den öffentlichen Pranger. Über Seiten wie „Buzzfeed“ verbreiten sie sich dann rasend schnell.

Zu finden sind Meme-Inhalte inzwischen auch auf großen Seiten wie „9Gag“ oder „Imgur“. Dorthin surft auch Karsten Schmehl häufiger am Tag, wodurch die Idee entstand, Job und private Unterhaltung zu verbinden.

Wenn Putin zum Waffenstillstand zwinkert

Seither versuchen sich Gezen und Schmehl in ihrer Freizeit an einem sozialmedialen Nachrichtenstream in Meme-Form auf Twitter und Facebook. Sie basteln Memes so um, dass sie zum aktuellen Weltgeschehen passen. So zwinkert etwa Putin etwas zum Thema „Waffenstillstand“, ein Hund macht sich über die „Hooligans gegen Salafisten“-Demos lustig oder  „Disaster Girl“ informiert über den Fernbusmarkt, aus dem der ADAC jüngst ausgestiegen ist.

Soweit zur Unterhaltung. Doch der Hintergedanke beim „Meme Journal“ ist ein anderer: Jugendliche sollen mit den Memes neugierig auf journalistische Arbeit werden. „Wenn sie die Punchline interessiert oder sie gecatcht hat, könnte sie ja auch der Text, der von einem guten Journalist geschrieben wurde, interessieren“, sagt Schmehl. Somit gibt es kein Meme beim „Meme Journal“, das nicht ohne Link zu einem etablierten Medium rausgeht. Der zwinkernde Putin verweist etwa auf die „Welt“, der Demo-Hund auf den NDR und das „Disaster Girl“ auf die „Süddeutsche Zeitung“.

Die Klickrate ist zwar überschaubar. Und retten wird das „Meme Journal“ den Journalismus auch nicht – schon alleine, weil es nicht sein Anspruch ist. Aber es ist ein Ansatz, der zu mehr Experimentierfreude anregt und zeigt, wie man auf die neuen Kommunikationsgewohnheiten der Jugend eingehen kann, ohne sie gleich wieder zu verschrecken. Auf dass Moritz und Ella mal vorbeischauen.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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