Über die Zukunft des Fernsehens

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rp12 e1337091910242 Über die Zukunft des Fernsehens

Thomas Knüwer nannte es “das vielleicht größte TV-Experiment des Jahres”, andere freuten sich einfach nur via Twitter oder Facebook, schauten sich die Redaktionskonferenz am Nachmittag im Livestream an oder schalteten schon ein paar Minuten vor dem eigentlichen Sendungsbeginn in die “Pre-Liveshow”, wo Richard Gutjahr und Daniel Fiene bereits die Bademäntel angelegt hatten, mit denen sie um kurz nach 23 Uhr am Montagabend das spärlich eingerichtete Studio der “rundshow” betraten – mit iPhone, versteht sich, iPad und Mac lagen bereits am Studiopult.

Man will neue Wege gehen beim Bayerischen Rundfunk (BR), sich modern geben, experimentieren mit der Echtzeit-Partizipation. Zwar gibt es Twitter und Facebook nicht erst seit gestern und es ist nicht so, als hätte sie nie jemand drauf hingewiesen, aber immer mehr versuchen die öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalten inzwischen, unsere GEZ-Gelder in sinnvolle und nicht zuletzt auf Dauer auch überlebenswichtige Strategien zu investieren.

Gutes Beispiel: Das ZDF

So ist durchaus ein Trend zu erkennen, dass grade ARD und ZDF mehr und mehr aufs Netz setzen. Die ZDF-Netzbeauftragten Marco Bereth und Michael Umlandt twittern wie wild, befüllen Facebook und Google+, nehmen Feedback der Zuschauer entgegen und beantworten brav eine Vielzahl der – teils auch wirklich nicht beantwortungswürdigen – Fragen. Wenn man den Twitterstream @ZDF unter die Lupe nimmt, kommt man dann auch schnell zu der Erkenntnis, dass das doch alles nicht so schwer ist mit diesem Internet, das sich ja sowieso nie durchsetzt.

Auch mit dem Format “log in”, das immer mittwochs auf dem Digitalableger ZDFInfo läuft und dringend ins Hauptprogramm gehört, versucht man auf die Zuschauer einzugehen. Die Studiogäste der Social TV-Sendung werden neben der Studiodiskussion mit Fragen aus dem Chat, von Twitter oder Facebook gelöchert, das Feedback und die Meinungen der User im Internet werden in regelmäßigen Abständen über den unteren Bildschirmrand gejagt und der eigene Twitter-Account sorgt für Background-Informationen, Fotos vom Studioaufbau oder Links zu den Mitmach-Möglichkeiten.

Auch die ARD legt langsam los

Doch auch wenn das ZDF inzwischen sehr fortschrittlich ist, zieht die ARD langsam nach. Am Sonntag startete erstmals ein “Tatort” mit so genanntem Tele-Twittern. Über die Textseite 777 konnte man sich am unteren Fernsehbildschirm Tweets mit dem Hashtag “#tatort” ausgeben lassen, was dazu führte, das “#tatort” wie seit Wochen sonntags in den deutschen Trending Topics landete. Unschön wurde es dann im Anschluss für den SWR. Man ließ das Ende des “Tatort” offen und animierte die neugierigen Zuschauer dazu, die Lösung im Netz herauszufinden – ähnlich wie das ZDF mit “Die letzte Spur“, nur dass man dort parallel mitspielt. Leider unterschätzten die Süd-Westler den Ansturm. Der Server ging in die Knie.

rundshow logo Über die Zukunft des FernsehensZurück zu den zwei sympathischen, jungen Männern in den weißen Bademänteln, die mit ihrem Team das Fernsehen revolutionieren wollen. Gutjahr und Fiene schalteten während der Livesendung, die das Tagesthema “Empört Euch (oder lasst es einfach bleiben)!” trug, immer wieder via Google+-Hangout Menschen aus Spanien, Griechenland oder Deutschland hinzu, die ihre Einschätzungen zu den Protesten gegen Bankenkrise und Sparpakete vortrugen und währenddessen auf der Tastatur tippten, sodass man sie teils kaum verstehen konnte. Via Skype wurde eine Soziologin mit in die Diskussion eingebracht und eine Mini-Serie der Webvideopreisträger Y-Titty gab es auch. Ab und an gab es Applaus über die “rundshow”-App “Die Macht” und ein paar Kommentare der Nutzer. Nach knapp 30 Minuten wurde dann etwas überhastet zu den BR-Nachrichten “Rundschau” geschaltet, die im gleichen Studio untergebracht sind und niemand wusste, ob die Show nun vorbei sei oder ob noch etwas kommt.

Kommt Zeit, kommt Revolution

Die ganz große Revolution blieb leider gestern aus. Allerdings sind gute Ansätze zu erkennen, die vom Team weiter verfolgt werden sollten. An der Audio- und Videoqualität der Hangouts sollte man – falls möglich – noch schrauben und mehr auf die eingeblendeten Tweets und Kommentare eingehen. Der Rückkanal, den Richard Gutjahr nicht selten in Vorträgen lobt, kam gestern leider etwas zu kurz.

Doch auch wenn die erste Sendung nicht auf viel Lob stößt, heißt das nicht, dass das ein Weg ist, den man nicht unbedingt weiter gehen sollte. Es war immerhin die Premiere, viel Sendezeit wurde mit Erklärungen, Videos zur App und der Vorstellung von Co-Moderator Daniel Fiene verwendet, die man in Zukunft in eine ausführlichere Diskussion mit den virtuellen Studiogästen oder das Feedback der Zuschauer investieren kann. Eine Sendung zu konzipieren, die im deutschen Fernsehen noch ihres Gleichen sucht, ist ein großes Vorhaben, das Zeit braucht. So wie ich überzeugt davon bin, dass man Gottschalk mehr Zeit hätte geben sollen.

Von den schwachen Besucherzahlen (etwa 140.000 im Schnitt ab 23:00 Uhr) sollte man sich nicht irritieren lassen. Die “rundshow” wurde via Livestream im Netz live gezeigt. Viele der User, die nebenher in den Dialog treten wollten (am Montag sind laut Redaktion etwa 4.000 Tweets eingegangen), werden das Geschehen direkt im Netz verfolgt haben.

Richard Gutjahr zog gegenüber dem “tobiasgillen Blog” ein positives Fazit, weiß aber auch, dass ein Lernprozess stattfinden muss und gestern die Hangouts überwogen:

Die Premiere verlief relativ pannenfrei. Keine Selbstverständlichkeit, denn hinter den Kulissen haben wir einen unglaubliches Uhrwerk laufen: Twitter, Facebook, Skype, Hangouts, die App, die Second Screen App (kennt bestimmt kaum einer) und und und. Zugegeben: Die Technik überstrahlte gestern das Thema. Aber ich denke, je öfter wir das machen, desto selbstverständlicher wird das alles – für uns wie für den Zuschauer. Gestern haben wir vor allem den Hangout etabliert, heute konzentrieren wir uns mehr auf Twitter. Es ist gut zu wissen, dass wir jetzt einen Werkzeugkasten völlig neuer Kommunikationsmittel haben, die offenbar auch funktionieren. Jetzt müssen wir lernen für jedes Thema die richtigen Tools einzusetzen. Ein Anfang.

Richard Gutjahr, 15. Mai 2012

Wenn es am Ende nicht funktionieren sollte und nur die Erkenntnis bei den Fernsehmachern übrig bleibt, dass man einen “Werkzeugkasten völlig neuer Kommunikationsmittel” hat, dann ist das Projekt “rundshow” ein riesen Erfolg für das sonst so langweilige analoge Fernsehen. Funktioniert es nach ein paar Folgen aber und sowohl Konsument, als auch Produzent haben sich gefunden, dürfte einem spannenderem Fernseherlebnis nichts im Wege stehen, denn die logische Konsequenz eines neuen Maßstabs wäre, dass die anderen mitziehen müssen. gil