Aus diesem Fernsehen: „Quelle: DVD“

Es ist das wohl schlimmste Verbrechen der heutigen Fernsehwelt. Nein, nicht „Berlin – Tag & Nacht“, sondern der Trend der besonders präzisen Quellenangaben unter eingespieltem Fremdmaterial. Es ist beachtlich, welches Repertoire aus juristischem Unsinn sich die Fernsehredaktionen heutzutage einfallen lassen. Die neuste Erfindung: „Quelle: DVD“.

Es ist kurz nach neun am Samstagabend, als Markus Lanz bei der zweiten „Wetten, dass..?“-Ausgabe Schauspielerin Halle Berry vorschlägt, „heute show“-Moderator Oliver Welke als Wetteinsatz ebenso zu küssen, wie sie es 2002 in „James Bond – Stirb an einem anderen Tag“ mit Pierce Brosnan getan hat. Diese ebenso erotische, wie bekannte Szene aus dem 20. Bond-Film wird also eingespielt und das ZDF beweist, dass es ebenso wie viele andere Fernsehsender und -Formate (u.a. auch die ARD mit der „Tagesschau“, RTL mit „RTL aktuell“, … mit „…“) nicht begriffen hat, wie man Quellen vernünftig, juristisch und journalistisch korrekt ausweist.

Quelle: DVD

Mit „Quelle: DVD“ schießt „Wetten, dass..?“ einen weiteren Vogel am Quellenhimmel ab, den man so bisher noch nicht oft gesehen hat. An „Quelle: Internet“, als gäbe es dort nur eine einzige Sache zu sehen, „Quelle: YouTube“, als gäbe es dort nur ein einziges Video oder „Quelle: Fremdmaterial“ haben wir uns ja schon widerwillig gewöhnt und doch hat man das Gefühl, bei jedem unzulänglichen Quellenverweis fällt irgendwo auf der Welt eine Kamera beim Catcontent-Filmen auf den Boden und zerschellt.

Das Urheberrecht muss eine Revolution durchleben, das haben wir inzwischen nicht nur dank der Piratenpartei alle verstanden und ja, es muss sich tatsächlich was ändern, denn so, wie das Urheberrecht aktuell aufgestellt ist, wird es keine Zukunft mehr haben. Das ändert aber noch lange nichts daran, dass es gewisse Regeln gibt, wie Quellen ausgewiesen werden müssen. Hier spielt vor allem die Eindeutigkeit eine Rolle, denn theoretisch ist es zumindest möglich, dass es Filme gibt, die den gleichen Titel haben und doch nicht den gleichen Inhalt. Zwar ist dies bei „James Bond – Stirb an einem anderen Tag“ nicht der Fall, aber auch dann wäre der Filmtitel das nötige Minimum gewesen.

Im Falle von Halle Berrys Kussszene mit Brosnan wäre etwa „Quelle: „James Bond – Stirb an einem anderen Tag“, EON Productions, 2002“ eine gute Wahl gewesen. Bei YouTube-Videos, die ja gerne inzwischen mal in Nachrichtensendungen eingebaut werden, sollte wenigstens der Nutzer angegeben werden, obwohl YouTube eigentlich die Erlaubniseinholung beim Nutzer empfiehlt:

Erwähne den Content-Eigentümer. Obwohl YouTube eine Lizenz zur Verbreitung des Contents, ist der YouTube-Nutzer der Eigentümer des Contents. Wenn du ein Video verwenden möchtest, empfehlen wir, den Nutzer direkt zu kontaktieren und einen entsprechenden Hinweis anzugeben, indem der Nutzername oder der echte Name des Nutzers angezeigt wird.
YouTube

Und bei „Quelle: Internet“ sollte bitte wenigstens eine genaue URL angegeben werden. Liebe Fernsehsender, wenn ihr also diesen Blogpost einblenden wollt, bitte ich euch, auf „Quelle: „Aus diesem Fernsehen: „Quelle: DVD““, Tobias Gillen, tobiasgillen.de/aus-diesem-fernsehen-quelle-dvd, 04.11.2012“ zu verweisen. Dankeschön!

Für diejenigen Sender und Formate, die sich aber trotzdem nicht belehren lassen, habe ich hier noch eine kleine Auflistung an weiteren Vorschlägen:

[list type=“cross“]
[li]Quelle: Display[/li]
[li]Quelle: Technik[/li]
[li]Quelle: Elektronik[/li]
[li]Quelle: Server[/li]
[li]Quelle: Plattform[/li]
[li]Quelle: Internetseite[/li]
[li]Quelle: Blog[/li]
[li]Quelle: Buch[/li]
[li]Quelle: Bewegtbild[/li]
[li]Quelle: US-Konzern[/li]
[li]Quelle: Printmedium[/li]
[li]Quelle: Mir doch egal[/li]
[li]Quelle: Quelle[/li]
[/list]

Da dürfte doch für alle Inhalte eine passende, präzise Angabe dabei sein, oder? Habt Ihr weitere Ideen?

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

9 Gedanken zu „Aus diesem Fernsehen: „Quelle: DVD““

  1. Ich habe gestern Wetten Dass nicht gesehen, aber das schießt den Vogel ab.
    Hammer, was sich etablierte Medienanstalten erlauben dürfen, ohne dass da was passiert.

  2. Sie machen kein Fernsehen, oder? Verstehe das Problem, aber der Vorschlag für den Quellenverweis zu diesem Text muss ein Scherz sein. Könnten Sie mal ein mock up produzieren, in dem man diesen Roman von Quellenverweis lesen und trotzdem noch was vom TV-Bild sehen kann. Und wie lange müssten Sie das Insert einblenden, bis alle Zuseher die Textschlange gelesen haben? Also, das ist wirklich keine Lösung für das Problem. Die meisten URLs sind viel zu lang für eine Einblendung und gekürzte URLs sind für die meisten Zuhörer verwirrend. Wenn Sie eine praktikable Lösung haben, wären Ihnen alle Fernsehmacher dankbar. Aber das, was Sie hier vorschlagen, wäre ein ziemlich eindeutiger Fall von Verschlimmbesserung.

      1. Das ist wie „Quelle: DVD“. Es gibt von mir hunderte Artikel im Netz. Es sollte ja schon eindeutig sein.

        Natürlich ist mein Beispiel etwas überspitzt, aber bibliografisch wäre es so korrekt.

    1. Hallo Herr Wolf,

      Danke für Ihren Kommentar. Natürlich ist mein Beispiel sehr überspitzt, aber es geht doch in diesem ganzen Artikel ums Prinzip. Was würden Sie denn als jemand, der Fernsehen macht, sinnvolles vorschlagen, wie man eindeutig auf einen Artikel verweist?

      Zugegeben, der exakte Link und das Datum machen im TV wenig Sinn, aber so wäre es wenigstens bibliografisch korrekt.

      Grüße

  3. Ich weiß aber, dass nicht alle Spartensender des öffentlich-rechtlichen Gedöns so sind. Ich war unlängst zutiefst positiv überrascht, als meine Tochter (5 J., Anm. d. Red.) KIKA angeschaltet hatte und ich dort bei der Einblendung eines Absatzes aus einem Buch sogar die ISBN erfahren habe. Das fand ich mal einen guten Quellennachweis.

  4. Der Artikel ist jetzt schon älter aber kürzlich ahbe ich was entdeckt, was selbst mich als jemanden, der etwas unempfindlicher in der Thematik ist, aufschrecken liess:

    http://s14.directupload.net/file/d/3168/7aw3qbe9_jpg.htm

    Was soll das denn? :D Da fühlt man sich als Zuschauer ja extrem verarscht. Einfach nur „Fremdmaterial“? :D Darauf wäre ich bei dem Beitrag aufgrund 240p Youtubequalität an betreffenden Stellen auch so gekommen…

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