»Der Bachelor«, »Das Dschungelcamp« und »Köln 50667« – 2013 mit viel anspruchslosem Drama, Drehbuch und Sex

2013 fängt fernsehtechnisch bei der RTL Gruppe sehr gut an: Jan Kralitschka verführt als Nachfolger von Paul Jancke in der schlechtesten Sendung im deutschen Fernsehen als „Der Bachelor“ 20 von RTL vermutlich gut bezahlte Frauen, RTL 2 versucht den Erfolg von „Berlin – Tag & Nacht“ mit „Köln 50667“ auszuweiten und schon die Teaser laden zur konsequenten Ignoranz ein und Daniel Hartwich soll beim „Dschungelcamp“ die flippig-drollige Rolle vom jüngst verstorbenen Dirk Bach übernehmen. Ein Ausblick. Leider.

„Die Sandra hat eine ziemliche Ausstrahlung … Wenn ich das Wort verwenden darf“, gab Bachelor Jan Kralitschka zum besten, als Kandidatin Sandra aus der schwarzen Limousine stieg und sich ihm im Eingangsbereich der „Bachelor Villa“ in Kapstadt vorstellte. Die viel interessanterer Frage ist aber doch: Warum um himmelswillen sollte man das Wort „Ausstrahlung“ nicht verwenden dürfen? Schließlich möchte auch ich es hier verwenden, denn auch wenn Jan Kralitschka ebenso wie Paul Jancke Schwiegermutters Liebling ist, an Ausstrahlung hat er seinem Vorgänger definitiv eine Menge voraus.

© RTL / Stefan Gregorowius

Grundsätzlich ist „Der Bachelor“ 2013 exakt der gleiche, „gescriptete“, social TV-kompatible Käse wie letztes Jahr. 20 Frauen – die allesamt schon durch ihre Präsenz in diesem Format jegliche Attraktivität verlieren – schmeißen sich an einen Mann, der ihre Kompatibilität mit Rosen bewertet. Kurz vor der Entscheidung, der ultraspannenden und innovativen Nacht der Rosen, steht er bedächtig auf einem kleinen Innenraum-Balkon und begutachtet die paarungswilligen Damen von oben herab – diese Szene soll wohl die Intention des gesamten Formates ausdrücken.

Es folgt das übliche Spiel: Du bist dabei, du bist dabei, du bist dabei und du, du bist nicht dabei. Ein bisschen von RTL dramatisiertes Gezicke untereinander übereinander und schon ist das von Bruce Darnell 2008 bei „Germanys next Topmodel“ geforderte „Drama, Baby, Drama“ komplett. Es bilden sich einzelne Lager, es wird gehetzt, geflirtet, gedatet, konkurriert, gekämpft, nacheinander miteinander geschlafen und schlussendlich bildet sich ein von RTL und „BILD“ gefeiertes Traumpaar, das das Osterfest vermutlich schon nicht mehr zusammen erlebt. Es lebe das Drehbuch und die RTL-Springer-Kooperation.

Und dennoch erreicht RTLs Bachelor die Massen. Denn auch das Auswendiglernen und Ablesen eines Dialoges kann unterhaltsam sein – mit dem zweiten Bildschirm. Nicht umsonst trenden die Hashtags #BsF („Bauer sucht Frau“) oder #Sg („Schwiegertochter gesucht“) regelmäßig auf Twitter. Auch unter dem Stichwort #Bachelor wird nun wieder viel diskutiert, getratscht, beneidet und gewitzelt. Wer nicht dabei ist, ist nicht dabei. Pech? Ansichtssache. Fakt ist, social TV bringt auch den kritischsten twitternden Geist dazu, irgendwann mal reinzuzappen. Hat was von Gruppenzwang, ist aber tatsächlich abendfüllend kurzweilig. Wenigstens etwas.

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Ebenso verhält es sich leider mit #IbeShmhr („Ich bin ein Star, holt mich hier raus“), kurz: dem „Dschungelcamp“. Nur dreieinhalb Monate nach dem überraschenden Tod von Entertainer Dirk Bach legt RTL nun mit der siebten Staffel des voyeuristischen Fremdschämwunders nach. Und holt sich mit Daniel Hartwich das unlustigste Moderationswunder unserer Zeit an Sonja Zietlows Seite.

© RTL / Stefan Gregorowius

Natürlich basiert das Format auf dem reinen Bloßstellen der pleitegegangenen Gäste, die von der Presse („BILD“) gerne auch fälschlicherweise als „Promis“ bezeichnet werden. Letztlich sind es aufmerksamkeitsgeile und für ihr großes Ego zu wenig beachtete Menschen mit dem starken Drang nach Geld und Blitzlicht – RTL bietet ihnen beides, Springer hilft nach.

Doch es ist fraglich, ob Dirk Bach ohne weiteres ersetzbar ist. Auch wenn ich ihn ebenso unlustig wie Daniel Hartwich fand: Dirk Bach gehörte zum „Dschungelcamp“ wie Thomas Gottschalk zu „Wetten, dass..?“. Es ist an Hartwich, nun den „Lanz“ zu machen und zu zeigen, dass das Format auch mit ihm geht. Aus nicht quotenfixierter Sicht möchte ich aber doch anmerken, dass ich das Überspielen des Todes von Dirk Bach mit einfach einer neuen Staffel mit neuem, dünnerem „Dickie“ unangebracht finde. Leider ist das „Dschungelcamp“ für RTL aber der Jahresanfangshöhepunkt, ein Jahr Pause war offenbar nicht drin.

Georgina, Bachelor-Kandidation 2012, wird übrigens auch dabei sein – da schließt sich der Kreis…

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Doch in Köln kann man nicht nur RTL. RTL kann auch RTL 2. Und zwar seit Herbst 2011 mit der gescripteten Dokusoap „Berlin – Tag & Nacht“ – Einer besser gemachten Version von allen anderen Telenovelas und Dokusoaps im deutschen Fernsehen, die in jungen Menschen den Wunsch hervorruft, selbiges WG-Leben zu führen. Party, kein geregeltes Einkommen und viel Gefühlsdrama sind offenbar heute erstrebenswert genug.

Und darum verschafft die WG-Doku dem Sender regelmäßig beachtliche Quoten. Nun legt es RTL 2 darauf an und startet mit „Köln 50667“ einen Ableger („Spin-Off“) in – richtig – Köln. Dafür musste Schauspielerin Pia Tillmann alias Meike Weber die Koffer packen und von der Spree zum Rhein ziehen. Sie soll dem Weiterdreh der Soap nun zu ähnlichem Erfolg verhelfen, los geht’s am 7. Januar auf dem Sendeplatz vom nicht nur zu dieser Uhrzeit fragwürdigen „X-Diaries“.

Bei „Köln 50667“ wird ähnlich stark auf Facebook gesetzt wie bei der berliner Version: Bereits sechs Wochen vor Sendebeginn fängt das Team hinter der Sendung an, im Namen der Besatzung Botschaften zu posten und mit den Fans zu interagieren. „Berlin Tag & Nacht“ hat nach eineinhalb Jahren 2,4 Millionen Fans, „Köln 50667“ eine Woche vor Sendebeginn schon über 310.000.

Die Frage ist nur, wo genau sind die Unterschiede? Warum sollte ich „Köln 50667“ denn nun zusätzlich schauen? Die schlechten Teaser, die seit Wochen auf RTL 2 hoch und runter laufen, können zumindest nicht überzeugen. Aber „BILD.de“ (wer sonst?) hat die Antwort in seiner TV-Kritik-Werbung:

Die Soap spielt in Köln, einer ganz anderen Metropole als Berlin.

Sag bloß.

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Kurz um: Der Jahresanfang läuft bei der RTL Gruppe so, wie das Jahresende gelaufen ist. Wenig bis kein Anspruch, viel Drama, Drehbuch und Sex. Die Quoten geben dem Senderkomplex das nötige Recht – wie auch schon 2012, 2011, 2010, …, …, …

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

3 Gedanken zu „»Der Bachelor«, »Das Dschungelcamp« und »Köln 50667« – 2013 mit viel anspruchslosem Drama, Drehbuch und Sex“

  1. Ganz ehrlich: Ich sehe Deutschland TV-mäßig seit Jahren in einem Sumpf versinken, der könnte sogar den Spielchen im Dschungel-Camp ähneln. RTL und Co. waren früher mal so gut, was die Qualität anging…es ist echt traurig. Und das Schlimmste: Es guckt jeder Depp hin, aber nicht weg.

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