ChatRoulette: Der digitale Exhibitionist

Mit Exhibitionismus bringen wir häufig den unbekannten Mann im Park in Verbindung, der sich vor den Augen anderer Menschen entblößt und sich dabei erregt. Doch in Zeiten des Internets sind die Gefahren grade für Kinder umso größer, Opfer von digitalen Exhibitionisten zu werden. Frei zugänglich, kostenlos und ohne Anmeldung.

Die Möglichkeiten des Videotelefonierens sind aktuell so vielfältig und simpel wie nie. Mit Diensten wie Skype, Apples Facetime oder einem Google+ „Hangout“ können wir Menschen überall auf der Welt kostenlos über das Internet anrufen, sie dabei per Webcam anschauen und auch mit Mimik und Gestik kommunizieren.

Während wir bei diesen Möglichkeiten stets einen Freund, ein Familienmitglied oder einen Geschäftspartner kontaktieren, hatte der damals 17-jährige Russe Andrei Ternowski im November 2009 die Idee, je zwei fremde Menschen zufällig per Videochat zusammenzubringen. Bei seiner Seite „Chatroulette.com“ spielen Alter, Herkunft, das Geschlecht oder äußerliche Erscheinungen bei der Vermittlung keine Rolle. Bei Unzufriedenheit kann der Gegenüber auch jederzeit mit einem Mausklick gewechselt werden. Dass Chatroulette einen beeindruckenden Erfolg hat, zeigen auch die Besucherzahlen. Je nach Tageszeit tummeln sich eigenen Angaben zufolge zwischen 15.000 und 40.000 Menschen auf der so genannten „One-by-One“-Seite. Doch der größte Spaßfaktor bei dieser Art des Chattens, die Anonymität, ist gleichzeitig die größte Gefahr. Es ist keine Registrierung, keine Bestätigung der E-Mail-Adresse, nicht mal ein Name nötig um mitzumachen. Mit einem einfachen Klick auf die Seite ist man live dabei, ohne sich anzumelden.

Das birgt grade für Kinder und Jugendliche viele Gefahren, denn der digitale Exhibitionismus wird beim „Chatten mit einem Fremden“ stärker ausgelebt denn je. Es ist nicht mehr der Mann im Park, der seinen Mantel öffnet, laut einer im März 2010 veröffentlichten RJMetrics-Analyse, sollen bereits 13% der Nutzer beim Start des Chats entkleidet gewesen sein oder sexuelle Handlungen vollzogen haben. Zwar hat sich der Initiator Andrei Ternowski häufig öffentlich von diesen Obszönitäten distanziert und auch einen „Report Spam“-Button eingeführt. Aber, reicht das? Schließlich werden die Jugendlichen zuerst mit nicht jugendfreien Bildern, die häufig auch Extremismus, Gewalt und Mobbing zeigen, konfrontiert, bevor sie die Möglichkeit haben, einen Nutzer zu melden. In den letzten Wochen ist zusätzlich eine Klassifizierung in unter 18-jährige, über 18-jähige die sich nicht entkleiden und über 18-jährige, die sich in jedem Fall entkleiden eingeführt worden. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob die Nutzer verantwortungsbewusst sind, diese Einstellungen wahrheitsgemäß zu treffen. Jugendliche, die bekanntlich das Verbotene reizt, könnten leicht in Versuchung geraten, sich älter zu machen, als sie sind. Und exhibitionistisch veranlagte Erwachsene können ohne Probleme Minderjährige Nutzer erreichen.

Gemeldete Nutzer werden für eine bestimmte Zeit gesperrt. Die Sperre verkürzen können sie sich mit so genannter „Community Work“, in der sie dem Chatroulette-Team helfen müssen, andere auffällig gewordene Nutzer zu finden und zu melden. Nach einer geringen Anzahl von richtig angeklickten Nutzern wird der Zugang wieder freigeschaltet und das Spiel geht von vorne los – ohne Konsequenzen.

Eine „tobiasgillen Blog“-Anfrage zu potenziellen Jugendschutzmaßnahmen blieb bisher sowohl von Ternowski, als auch vom Chatroulette-Team unbeantwortet. Eine mögliche Lösung wäre aber etwa die dauerhafte Sperrung der IP-Adresse eines auffällig gewordenen Nutzers oder die Einführung eines Profils, mit dessen Hilfe potenzieller Unfug aus dem Netzwerk rausgehalten würde. Auch die Einführung einer wirkungsvollen Altersbeschränkung wäre denkbar. Bis es soweit ist, sind wohl wieder die Eltern in der Verantwortung mit ihren Kindern über die möglichen Gefahren der Seite zu sprechen oder unter Umständen den Browser sauber zu halten.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

6 Gedanken zu „ChatRoulette: Der digitale Exhibitionist“

  1. Mamamia, hier siehts aber ganz anders aus merke ich grad ;) Bin ein blöder google reader leser, sorry ;)
    Ich war lange nicht mehr chatrouletten, und der grund war wirklich das, dass jedes 2 bild ein Penis war, omg… die ganze sache ist ja wirklich mal interessant an sich. Ich hatte da schon leute, mit denen ich zusammen gesungen habe, oder mit denen ich über verschiedene themen geredet habe, wie politik und und und… aber diese penisse haben mich von dort vertrieben sozusagen. Ich hoffe wirklich, dass die da bald was besseres gegen machen.

    1. @Victor

      Ich muss dazu sagen, dass ich Chatroulette nicht so gut kenne. Nachdem ich aber so viel darüber gelesen habe, habe ich es ausprobiert und … UÄH!

      LG

      P.S: Ob Google- oder Blog-Reader: Leser sind nie doof! :-)

  2. ich chatte auch ein paar tage die woche aber ganz ehrlich. ich kann die ganzen schwänze nicht mehr sehen. hin und wieder unterhalte ich mich auch ganz gerne mal:))

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