Von einem, der auszog, das analoge Leben leben zu lernen (+ 5 Tipps für den Anfang)

Ich liebe meinen Beruf. Journalismus ist für mich eine Leidenschaft, gewissermaßen auch ein Hobby. Doch ist es auch ein Beruf, der sich in Zeiten von Internet und Smartphone auf den gesamten Tagesablauf auswirken kann. Ich habe meist die Mails gecheckt, die neusten Newsletter überflogen und die Themenlage auf Twitter, Facebook und via RSS-Reader gescannt, noch bevor ich einen Fuss aus dem Bett bewegt habe. Ständiger Kontakt mit den Lesern, Erreichbarkeit für die Auftraggeber – ein Leben für die Arbeit. Ich lese Bücher über Journalismus, soziale Netzwerke, Netzpolitik, schaue Sendungen und neue Formate im Fernsehen, um später darüber zu schreiben, treffe mich mit Kollegen zum Essen, um über Medienthemen zu sprechen. Ich bin froh, noch nicht von meinem Job zu träumen. Ein Experiment.

Es ist gewiss nicht so, als sei das nur ein Phänomen im Journalismus. Und ich bin sicher, die obige Beschreibung trifft auf viele Kolleginnen und Kollegen zu, auch aus anderen Ressorts. Manche sind davon mehr, andere weniger betroffen, freie Journalisten – so wie ich einer bin – aber sicher am meisten. Hier spielen nicht nur die bereits beschriebenen Faktoren eine Rolle. Der freie Journalist muss sich zusätzlich noch um Selbstvermarktung, Aufträge, Auftraggeber, Versicherungen und diverse bürokratische Dinge kümmern. Ein eigenes Blog ist sinnvoll zwecks Aushängeschild, ein Twitter-, Facebook- und Google+-Konto müssen auch drin sein. Ständig ist man damit beschäftigt, seine 30 Stunden Arbeitspensum in den Tag zu pressen, von den Verantwortungen für Haus, Wohnung, Familie und sonstigen Verpflichtungen mal abgesehen.

Experiment: abgeschaltet – dokumentiert im Blog

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, für diese Feststellung bedarf es keinen Text von mir. Aber was heutzutage gefordert wird, ist zu viel. Wir brauchen Pausen, Ruhezeiten, andere Interessen. Aus diesem Grund starte ich ein Experiment, gewissermaßen einen Selbstversuch. Ich möchte mir Ruhezeiten schaffen, Dinge tun, die nichts mit meinem Beruf zu tun haben, das analoge Leben leben lernen. Und ich möchte dieses Experiment auf meinem Blog begleiten, weil ich genau weiß, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen ebenso schwer fällt, den schnelllebigen Journalistenalltag zu vergessen – aus Angst, etwas zu verpassen.

Mein Blog ist mein Spielzimmer, hier gibt es keine Regeln, keine Deadlines und keine Vorgaben. Es eignet sich daher perfekt für die Dokumentation dieses Selbstversuchs. Dieser hat nichts damit zu tun, dass ich vollends auf meine Arbeit verzichte. Ich werde auch keine sechsmonatige Rucksacktour durch Chile machen oder im Alex Rühle-Stil (tolles Buch!) versuchen, gänzlich analog zu leben. Ich möchte nur dafür sorgen, dass ich mich auch mal zurückziehen kann. Das Ziel ist ein Alltag, in dem nicht meine Gewohnheit bestimmt, dass ich pausenlos an die Arbeit denke.

Das Ziel ist ein Alltag, in dem ich ganz bewusst festlegen kann, wann ich arbeite und wann eben nicht. Ich möchte eine Fernsehsendung schauen können, ohne daran zu denken, was man daran hätte anders machen können, wie die Besetzung der Schauspieler gewählt ist und was für eine schlechte Strategie der Produktplatzierung gewählt wurde. Ich möchte ein Buch lesen, ohne es gleich rezensieren zu wollen und ich möchte ein Buch lesen, das so gar nichts mit Journalismus, Medien oder Technik zu tun hat. Vielleicht lese ich eine schlecht geschriebene Liebesschnulze, auch wenn das so gar nicht in mein Interessengebiet fällt. Vielleicht gehe ich in ein Museum, das Dinge ausstellt, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Vielleicht genieße ich die tolle Funktionalität einer App einfach mal, ohne daran zu denken, es den Lesern mittels Testbericht mitzuteilen.

Neue Ufer entdecken

Unser Alltag ist stressig genug. Ich möchte verhindern, mich bereits in jungen Jahren in eine Stressgesellschaft pressen zu lassen, aus der ich vielleicht später nicht mehr herauskomme. Ich will nicht in ein paar Jahren einer der momentan viel thematisierten Burn out-Patienten sein, ich will Schreibblockaden verhindern, Kreativität fördern und neue Ufer entdecken. Ich will etwas für mich tun, ich will mich mal wieder kennenlernen, mich selbst bestimmen, mich fühlen, mich erleben, mich führen und vielleicht auch mal führen lassen, aber definitiv nicht weiter 24 Stunden lang von meinem Job.

Das hier ist kein blinder Aktionismus, es liegt mir schon lange auf dem Herzen und ist gut überlegt. Jeder Mensch muss selbst entscheiden, was er tut und was nicht. Aber wenn ich hiermit vielleicht dem ein oder anderen aus der Seele spreche, dann freut mich das und ich hoffe, mit diesem Versuch zumindest etwas Aufmerksamkeit zu schaffen – jetzt und in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten. Ich habe eine neue Kategorie angelegt, in die jeder neue Blogpost zu diesem Thema laufen wird.

Für den Anfang habe ich mir 5 Dinge überlegt, die meiner Meinung nach ganz entscheidend sind beim Versuch, sich wieder selbst zu bestimmen. Ich werde diese Punkte in der nächsten Zeit umsetzen und freue mich natürlich über Reaktionen, etwa eigene Erfahrungen oder weitere Ideen.

1) In Ruhe aufstehen. Die Arbeit bestimmt mich ab sofort nicht mehr schon ab dem Klingeln des Weckers. Das Handy wird auch nicht mehr auf dem Nachttisch liegen, es wird auf dem Schreibtisch bleiben und das solange, bis ich in Ruhe gefrühstückt habe. Die Konsequenz ist, (noch) früher aufzustehen. Für jemanden wie mich sicher nicht ganz einfach, das ist es mir aber wert.

2) Schlussstriche ziehen. Klar ist, dass man als Journalist keinen 9-to-5-Job hat. Das weiß man, bevor man sich für diesen Beruf entschieden hat. Deadlines, Änderungen, Autorisierungen – all das kann dazu führen, dass man auch später noch mal ran muss. Wichtig ist aber, dass man einen Schlussstrich ziehen kann. Und das werde ich ab sofort. Sobald die Arbeit getan ist, ist der Laptop aus. Nein, nicht im Stand-by-Modus, sondern aus. Die Gefahr, sich dann doch noch mal kurz davor zu setzen, um doch vielleicht nur mal eben gerade… ist zu groß. Also: Aus damit.

3) Handy aus. Auch das Handy verleitet immer wieder dazu, noch mal eben nachzuschauen, was gerade passiert. Klar, das Handy ab Feierabend auszuschalten ist keine Lösung, schließlich nutze ich es auch noch privat. Aber abends muss auch für den schlauen Begleiter mal Schluss sein. Ich bin ein Fan von Social TV und mag es, das Handy als Second Screen einzusetzen und mit anderen über einen Film oder Showformate zu sprechen und zu diskutieren. Das wird auch künftig noch der Fall sein, aber deutlich eingeschränkt.

4) E-Mail-Push ausschalten. Ich habe die Pushfunktion des E-Mail-Clients ausgeschaltet. So kommt nicht jede E-Mail direkt auf meinen Schirm und stellt mich vor die Wahl: Lesen oder nicht lesen? Ohne Push-Funktion muss ich selbst entscheiden, wann ich meine Mails checke und wann nicht. Und ich kann bewusst überlegen, ob ich es gerade für sinnvoll erachte oder ob es aus reiner Gewohnheit und – sind wir ehrlich – beruflicher Sucht heraus passiert. Ich werde es mir künftig verkneifen, meine Mails während einem spannenden Film oder einem guten Buch zu checken und sie sicher vor dem Schlafengehen nicht noch einmal abrufen.

5) Wochenende ist Wochenende. Auch am Wochenende werde ich meine Arbeit stark in den Hintergrund drängen. Der Laptop bleibt gänzlich aus. Das praktiziere ich seit einiger Zeit so und es funktioniert überraschend gut – probiert‘s mal aus. Auch das Handy wird künftig weniger am Wochenende genutzt. Twitter, Facebook und Co. bleiben häufiger aus und ich nutze die Zeit intensiver für analoge Dinge. Minigolf mit meiner Freundin, Museumsbesuche, an den See mit den Freunden, Bücher, reisen, lachen, Spaß haben. Es ist nicht so, als hätte ich das nicht vorher auch schon gemacht. Die Frage ist aber, wie intensiv waren diese Erlebnisse, wenn man ständig den Kopf bei beruflichen Dingen hatte? Ich will mich mehr auf diese Zeiten fokussieren, sie stärker genießen.

Kraft, Kreativität und Belastbarkeit

Leben wir nicht länger vor uns her. Genießen wir das Leben, lernen wir es neu zu leben. Das hier ist kein Versuch gegen meine Arbeit zu arbeiten. Ich liebe meinen Job und ich werde ihn nach wie vor voller Leidenschaft ausführen. Und ich bin sicher: Den Blick häufiger von beruflichen Dingen abzuwenden wird helfen, ihn während der Arbeitszeit noch stärker darauf zu richten. (Mentale) Kraft, Kreativität und Belastbarkeit werden dadurch sicherlich gestärkt – da bin ich sicher.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten, wie sich die angesprochenen Dinge entwickeln. Ich hoffe aber auch auf viel Input von euch. Wer fühlt ähnlich? Wer hat ebenfalls versucht, sich aus dem ständig drehenden Teufelskreis beruflicher Beschallung zu befreien? Was habt ihr für Tipps, Anregungen und Kritik? Wie steht ihr zu unserem leistungsorientierten System? Wie helft ihr euch? Ich würde mich auch (gerne anonym) über Meinungen von Burn out-Patienten freuen, die vielleicht zu spät erkannt haben, dass das eigene Leben nur noch aus Stress besteht. Mich interessiert, wie man sich nach einem Burn out verhält, wie man das Leben versucht neu zu gestalten, vor allem natürlich von Journalisten. Kurz um: Mich interessiert alles, was ihr zu diesem Thema zu sagen habt. Je nachdem, wie sich das Experiment entwickelt, wie viel Interesse besteht und wie viele konstruktive Rückmeldungen zusammen kommen, würde ich das Ganze gerne durch ein eBook-Projekt erweitern und alles mal gebündelt zusammenfassen.

Normalerweise würde ich euch an dieser Stelle meinen Twitter-Account, meine Facebook-Seite und meine Mail-Adresse empfehlen. Belassen wir es in Anbetracht des Themas doch einfach mal bei der Kommentarfunktion.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

13 Gedanken zu „Von einem, der auszog, das analoge Leben leben zu lernen (+ 5 Tipps für den Anfang)“

  1. Wie sich doch die Dinge wiederholen. Als ich Tobias‘ Tweet über sein Experiment sah, war meine Antwort spontan: „Das mache ich schon seit 20 Jahren so“. Und bei genauerer Betrachtung hat eine solche Veränderung im Verhalten nicht wirklich etwas mit digitaler und analoger Ära zu tun. Damals (1993) gab es die ersten Mobiltelefone, der Anrufbeantworter war etabliert, Online-Banking wuchs gerade aus dem BTX-Stadium heraus. Letztlich ist der Kern der Frage nur: Wie erreichbar will ich sein? Und da spielt es keine Rolle, ob es sich – wie damals – um eine analoge Telefonverbindung oder – wie heute – um Mails, Tweets und Push-Messages handelt. Meine Prognose: Tobias wird lernen, Nein zu sagen, wird erfahren, wie Lebensqualität und Stress gegeneinander abgewogen werden können und dass man nicht tot umfällt, wenn man die eine oder andere Information nicht sofort erfährt. Und das soll jetzt wirklich nicht klugscheißerisch klingen – denn eigentlich haben diese Erfahrung so ziemlich alle Kollegen in meinem Alter (43) früher oder später gemacht. Erst recht diejenigen, die Schichtdienste machen und niemals geregelte 9to5-mit-Wochenende-Wochen erlebt haben. Bin gespannt auf Tobias‘ Erfahrungen – vermutlich werden sie aber niemanden überraschen. Die Problematik liegt nämlich Übergeordnet: Im überhöhten Selbstanspruch vieler, der gespeist wird von überzogenen Erwartungen der Auftraggeber. Dieses Wechselspiel trifft so ziemlich alle Branchen. Und man kann es selbst steuern – wenn man gelernt hat, wie die Mechanismen funktionieren. Guten Start ins Experiment!

    1. Hallo Udo, vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ich hoffe, dass deine Prognose so eintreffen wird, denn dann hätte ich alles erreicht, was ich mit diesem Experiment erreichen wollte.
      Ich halte euch auf dem Laufenden!
      Grüße, Tobias

  2. Was ich nicht verstehe, warum man aus der Geschichte immer so ein Drama macht? Ich meine ist es jetzt so besonders am Wochenende einfach mal ans Meer zu fahren? Oder eben am Wochenende zu arbeiten? Die Grenzen verwischen doch immer mehr – und das ist total gut so. Diese selbstverordnete Internet-Abstinenz finde ich kleingeistig. Gerade als Freiberufler hat man doch die Wahl zu arbeiten, wann es einem passt. Als ich noch freiberuflicher Journalist war, hatte ich mit die schönste Zeit überhaupt: Vier Stunden gearbeitet im Sommer und die restliche Zeit eben was anderes gemacht. Im Winter bei schlechtem Wetter eben auch mal gerne 12 Stunden gearbeitet. Ich musste nirgendwo Urlaub einreichen, hab während einer Reise einfach morgens das nötige vom Bett aus gemacht und dann war Ruhe für den Rest des Tages. Diese „pseudo-ich-muss-mehr-offline-sein“-Sache ist doch Quatsch mit Soße. Wir predigen Medienkompetenz und auf der anderen Seite finden wir uns ganz toll, wenn wir es mal schaffen das Smartphone auszumachen?! Nichts für ungut, Tobias.. aber umso mehr du darüber klagst, desto weniger hast du verstanden, um was es wirklich geht.

    1. Hallo Andreas,

      ich glaube, du hast die Intention meines Textes überhaupt nicht verstanden und wenn doch, dann finde ich einen solchen Kommentar ehrlich gesagt eher fehl am Platz. Ich finde Äußerdungen wie „warum man aus der Geschichte immer so ein Drama macht“ oder „diese “pseudo-ich-muss-mehr-offline-sein”-Sache ist doch Quatsch mit Soße“ abwertend – und das als Replik auf einen Text, der sehr ehrlich und offen verfasst ist. Ich freue mich, dass du als Freiberufler vier Stunden arbeiten konntest, wenn die Sonne gelächelt hat. Ich kann das leider nicht – unabhängig von der Jahreszeit. Mein Tag beginnt früh und endet spät und das 365 Tage im Jahr.

      Hier schreibt jemand, der Social Media, Smartphones und Co. liebt und gerne nutzt, dass er überfordert ist. Dass er nicht mehr 24 Stunden lang online sein möchte und dass ihn das jetzige Arbeitspensum früher oder später auffressen wird und du sagst mir, dass ich nicht verstanden hätte, um was es wirklich geht? Ich bin der Meinung, dass du das nicht beurteilen kannst, weil es hier um etwas geht, das jeder Mensch anders sieht. Wenn du mit verwischten Grenzen umgehen kannst, ist das super – dagegen sage ich schließlich auch nichts.

      Ich habe auch lange Zeit gedacht, dass ich das kann. Aber ich brauche meine Zeiten für mich. Natürlich ist es nichts besonders, „am Wochenende einfach mal ans Meer zu fahren“ (steht ja auch so im Text). Die Frage ist aber, wie intensiv diese Zeiten sind, wenn Twitter und Co. ständig irgendwo im Hintergrund laufen. Ich will die Offlinezeiten haben, um die intensiver genießen zu können. Daraus resultiert, dass die Zeit für die Arbeit produktiver sein wird.

      Und „kleingeistig“ finde ich „Internet-Abstinenz“ nun wirklich nicht. Zumal ich nicht abstinent leben werde, sondern eingeschränkt, du kannst es gerne auch „bewusster“ nennen.

      Ich finde mich auch nicht „ganz toll“, wenn ich es schaffe, das Smartphone auszumachen. Ich finde ES ganz toll, wenn es denn dann mal aus ist.

      Danke aber für deinen Kommentar.

      Liebe Grüße, Tobias

      1. Tobias, wenn du so einen langen Tag hast, dann vermute ich, dass du deine Arbeitskraft so billig verkaufst, dass du total viel davon leisten musst, um auf dein Einkommen zu kommen. Deine Ehrlichkeit in Ehren, vielleicht solltest du ein paar Auftraggeber austauschen? Oder eben eine Festanstellung suchen? Verstehe mich nicht falsch, es geht hier gar nicht um dich persönlich. Ich kriege nur ständig solche Eingeständnisse im Feed serviert, dass ich das schon nicht mehr lesen kann. Ich denke, dass „Netz“ oder „Smartphones“ haben nix damit zu tun, wenn jemand viel arbeitet oder am Feierabend nicht abschalten kann. Das ist eher ein charakterliches Problem – nicht jeder ist zum Freiberufler geboren. Also sind solche Aussagen wie „Von einem, der auszog, das analoge Leben leben zu lernen“ doch total irreführend. Mit solch einem Text gibst du – meiner Meinung nach – den ganzen Digital-Kritikern, die meinen im Netz die Wurzel allen Übels zu sehen, doch nur Rückenwind. Überleg dir mal wo womöglich wirklich das Problem liegt.

        1. Ich starte ein Experiment. Das Experiment, mehr auf meine Onlinezeiten zu achten. Hier geht es doch überhaupt nicht darum, „den ganzen Digital-Kritikern, die meinen im Netz die Wurzel allen Übels zu sehen“ mit Rückenwind zu versorgen. Und um ehrlich zu sein, was ständige Erreichbarkeit und Co. betrifft haben diese Kritiker auch ihre Berechtigung – aber das ist ja nichts neues. Ich finde schon, dass das „Mails checken am Abend“, „Twitter im Bett“ und „Facebook am See“ schon was damit zu tun haben, dass man nicht abschalten kann. Die Aussage „Von einem, der auszog, das analoge Leben leben zu lernen“ ist eine Überschrift und die halte ich nicht für irreführend. Ich versuche, das analoge Leben wieder leben zu lernen. Das bedeutet aber ja nicht, dass ich dafür auf das digitale Leben verzichten möchte. Und ob Freiberufler oder nicht, mit meinem Aktionismus könnte ich auch mit Festanstellung abends nicht abschalten, wenn ich so weiter machen würde. Das läuft alles am eigentlichen Punkt meines Textes vorbei: Digital leben? Sehr gerne! Analog leben? Auch sehr gerne! Aber momentan habe ich letzteres verlernt – zumindest die bewusste Wahrnehmung dessen.

          1. Ich wünsche dir viel Glück und bin gespannt, wie das gefühlt fünfzigste Experiment zu diesem Thema, ausgeht. Ich nehme an, mit der gleichen Erkenntnis, wie sie schon überall sonst nachzulesen ist.

            1. Das mag sein. Und doch will ich diese Erkenntnis selber erleben. Und sie mir nicht von anderen anlesen. Und wenn es schlussendlich tatsächlich alles für die Katz war, dann habe ich trotzdem wieder was gelernt. ;-)

  3. Hallo Tobias,

    gutes Vorhaben. Ich wünsche Dir nicht nurErfolg bei Deinem Experiment, sondern vielleicht auch etwas weniger: einen objektiven Einblick in die eigenen Gewohnheiten und Abhängigkeiten.
    Das ist ein bisschenn wie sieben Wochen ohne, die Fastenaktion, bei der viele Menschen auch immer wieder überraschend erfahren, wie Verzicht Gewinn bedeutet. Ich würde vermuten, dass Du mit Deinem Punkt 3 die größten Schwierigkeiten bekommst: Die Grenze zu ziehen, wann das Handy wirklich aus ist und zu welchem Zwekce Du es nutzt ist wahnsinnig fließend. Bin mal gespannt, wie Du das regeln willst und wie oft Du Dich dabei ertappst, wie Du Deine Vorgaben umgehst ;-)

    Beste Grüße
    Martin

  4. Danke für diesen Text, der mir so sehr aus der Seele spricht!
    Aus allen oben genannten Gründen habe ich vor drei Jahren mit Percussion angefangen – zweimal die Woche zwei bis drei Stunden Probe & das Journalistengehirn gänzlich abschalten lassen. Auch das Wochenende Wochenende sein lassen, ohne Mails checken, Nachrichten lesen oder Texte schreiben ist mir mittlerweile gelungen – und das war gar nicht so leicht.

    Ich bin gespannt, wie das Analog-Experiment läuft!

  5. Eine wirklich inspirierende Idee, ich versuche das schon lange, aber so richtig schaffe ich es auch nicht. Vor allem da, wie weiter oben schon jemand geschrieben hat, „die Grenzen verschwimmen“. Und es kommt ja noch dazu, das private digitale Leben von dem beruflichen zu trennen und dabei beiderseits auf die digitalen Medien zu verzichten. Das ist, meiner Meinung nach, die eigentliche Schwierigkeit daran: Ich kann manche Freunde halt nur auf Facebook treffen kann, was aber eigentlich in den Freizeitbereich fällt. Ein wirklich kniffliges Unterfangen, bei dem dann leider auch viel „Freizeit“ weg bricht, die eigentlich nur sekundär mit den digitalen Medien zu tun hat. Ich wünsche Dir viel Glück bei Deinem Experiment und freue mich schon auf deine Erkenntnisse und kann sie hoffentlich dann auch anwenden.

  6. Meine Situation ist etwas anders als die Ihre, da ich nicht freiberuflich tätig bin, sondern schon immer als Angestellter gearbeitet habe. Wenn auch manchmal in Positionen, in denen ich für einige Bereiche dereinzige Ansprechpartener war.
    Ich habe in der Mobilfunkindustrie gearbeitet und hatte lange Jahre nur ein „gemeinsam“ genutztes Telefon gehabt. Eines, das sowohl für dienstliche als auch private Anrufe immer an war.
    Ich habe dann vor einigen Jahren entschieden, das ich nicht mehr 24 Stunden für alle erreichbar sein wollte. Das ich nicht mehr Samstags, Sonntags oder Nachts von Kollegen erreichbar sein wollte. Auch ich wollte meine Zeit für die Familie. Also habe ich mir ein privates Telefon angeschafft und nutze dieses auch nur privat. Und ich habe ein dienstliches und nutze dieses auch nur diestnlich. Und für den unwarscheinlichen Fall, das ich bei einem Thema mal so wichtig sein sollte, das man auf meinen Kommentar nicht warten kann, hat mein Chef (und nur er) meine private Nummer. Somit überlegen es sich die Kollegen 3x, ob man nicht bis Montag oder zum nächsten Morgen warten kann.

    Ich arbeite zur Zeit den ganzen Tag am Computer. Auch da habe ich mich ganz bewust dazu entschieden, berufliches und privates zu trennen. Ich frage am Wochenende keine Dienstlichen Mails ab. Das tue ich auch nicht, wenn ich krank bin, auch wenn es heutzutage mühelos ginge. Aber ich habe festgestellt, das ich nicht mehr bis abends um 22:0 Uhr am Rechner sitzen will, um irgend welche Mails zu beantworten von Leuten, die kein Ende kenne oder keine Familie haben.
    Ich will meine freie Zeit damit verbringen, mich meinem Hund zu widmen. Meinen Jungs (die Tochter will nicht) Skat und Rommé bei zu bringen. MIt allen 3 1/2 Kindern Drachen steigen zu lassen (auch der Hund hat viel Spass dabei, den Drachen nach zu jagen). Das sind Dinge, die einem eine Lebensfreude vermitteln, wie es kein Blog, keine Webseite kein Diaspora kann.

    Ach ja. Einen Facebook-Account habe ich nur, um mit einige weiter verzeigten Freunden in Verbindung zu bleiben. Aber ein wirklich gepflegte Facebook-Account ist etwas anderes. Das gleich gilt für einen nahezu nicht gepflegten LinkedIn-Account. Und Twitter habe ich ganz bewust garnicht.

    Ich wünsche Dir, mit Deiner Entscheidung, bewuster mit den neuen Medien um zu gehen, eine größere Lebensqualität. Es muss nicht immer alles digital sein. Analog geht auch. Oder woher kommt sonst heute mein gepflegter Muskelkater ?

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