ICANN: „Wir arbeiten daran, dass das deutsche Recht in Deutschland berücksichtigt wird“

Im Interview spricht ICANN-Domain-Präsident Akram Atallah über den Streit Amazons mit anderen Bewerbern, wirft einen Blick hinter die Kulissen des neuen Programms und verspricht, sich an deutsches Recht zu halten: Unternehmen können sich gegen eine Bewerbungsgebühr von 185.000 US-Dollar dafür bewerben, neue Top-Level-Domains zu erstellen und zu verwalten – heißt: ein Geschäft damit zu betreiben, Domain-Namen wie xyz.book gegen Gebühr zu vermieten. Damit will die Generic Domain Division der Internet-Regulierungsbehörde ICANN nach eigener Aussage der Situation entgegen treten, dass immer weniger kurze und griffige Domainnamen zur Verfügung stehen. Kritiker aber fürchteten Wettbewerbsverzerrung und Verstöße gegen den Datenschutz. Akram Atallah, Präsident der ICANN-Domain-Abteilung, widerspricht im Interview.

Das Interview ist zuerst bei iRights.info erschienen.

Tobias Gillen: Wie werden die neuen Top Level Domains das Internet in Zukunft verändern?

Akram Atallah: Wir glauben, dass sie eine Möglichkeit sind, dem Nutzer mehr Vielfalt im Internet zu bieten. Außerdem hoffen wir dadurch auf viele Innovationen im weltweiten Markt. Das, was es bisher im Netz gibt, wird nun ergänzt durch neue Wege und Möglichkeiten für die Unternehmen.

Ein Großteil des weltweiten Marktes dürfte das anders sehen. Eine eigene Domainendung ist den großen Konzernen quasi exklusiv vorenthalten, schließlich kostet allein die Bewerbung darauf schon 185.000 US-Dollar. Mittelständische Unternehmen können bei den Summen nicht mithalten.

Eine eigene Top Level Domain zu betreiben kostet weitaus mehr als 185.000 US-Dollar. Sie ist eine große Verantwortung für die ICANN und das Unternehmen, das sie registriert. Wir müssen sicherstellen, dass es die neuen Domains auch noch in fünf oder zehn Jahren gibt. Der Betrag ist vielleicht ein bisschen hoch, aber jede Innovation benötigt hohe Investitionen.

Wie hoch sind denn die Kosten, eine eigene Top Level Domain zu betreiben?

Da kommen einige Positionen von verschiedenen Stellen zusammen. So pauschal kann man das nicht sagen. Alles zusammen wird man weit über eine Million US-Dollar pro Jahr dafür benötigen. Die ICANN erhält neben der Bewerbungsgebühr 100.000 US-Dollar pro Jahr.

Amazon streitet mit acht weiteren Bewerbern um die Endung .book. Schon lange versuchen Verbände zu verhindern, dass der Internetkonzern den Zuspruch erhält. Auch hier ist von Wettbewerbsverzerrung die Rede, da man Amazon dann noch mehr mit dem Verkauf von Büchern in Verbindung bringen könnte. Wie ist der Stand der Verhandlungen?

Es ist nicht klar, dass Amazon .book bekommt. Darüber wird noch immer zwischen Vorstand und Beratern diskutiert.

Schauen wir uns Deutschland an. Hier gab es 70 Bewerbungen auf neue Top Level Domains.

Genau, Deutschland ist im Bewerbungsprogramm gut vertreten. Es hängt jetzt vom Erfolg der einzelnen Bewerbungen ab, wie viele neue Domains demnächst aus Deutschland kommen.

Deutschland ist gerade im Bereich der Datenspeicherung sehr sensibel. Die ICANN hat in einem Abkommen mit den einzelnen Registraren bestimmt, dass während der Vertragslaufzeit – und zwei Jahre danach – Kontaktdaten gespeichert werden, außerdem 180 Tage lang Zahlungsinformationen. Das ist ein Verstoß gegen deutsches Recht.

Ja, aber das Abkommen wird sich an lokale Gesetze halten. Wir arbeiten daran, dass das deutsche Recht in Deutschland berücksichtigt wird.

Ist es für die Infrastruktur des Internets nicht gefährlich, dass in den kommenden Monaten so viele neue Domains freigegeben werden?

Es geht nicht um die Anzahl der Domains, es geht um den Datenverkehr, den diese verursachen. Wenn zwei Milliarden Menschen das Internet nutzen und – sagen wir – zwei Milliarden Anfragen starten, ändert sich das nicht durch mehr Domains. Ich glaube nicht, dass es spürbare Auswirkungen auf die Infrastruktur geben wird.

Es gab 1.932 Bewerbungen um neue Top Level Domains. Hat die ICANN mit dieser Menge gerechnet?

Als wir das Programm entwickelt haben, haben wir mit 500 Bewerbungen gerechnet. Aber man muss bedenken, dass es viele Bewerbungen auf ein und dieselbe Domainendung gibt. Es wird wohl am Ende 1.450 neue Top Level Domains geben, schätze ich.

Wann darf man mit den ersten neuen Top Level Domains rechnen?

Das hängt nicht nur von der ICANN ab. Der frühste mögliche Zeitpunkt, den wir uns aber vorstellen können, wenn alles glattgeht, ist Ende Oktober.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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