Firechat: Zwischen Schimpferei und sexueller Belästigung

Firechat will eine neue Technologie einführen – floppt dabei aber
Firechat will eine neue Technologie einführen – floppt dabei aber

Firechat trendet aktuell mit einer neuen Kommunikationstechnologie im App Store. Ich hab sie getestet – und bin wenig begeistert von der völligen Anonymität und dem Multipeer-Connectivity-Framework.

So revolutionär die Technik hinter der neuen Messenger-App Firechat auch sein mag, so schnell war es mit dem großen Hype auch wieder vorbei. Firechat ermöglicht es, ohne WLAN oder UMTS-Empfang zu chatten. Dafür nutzt es das Multipeer-Connectivity-Framework von Apple, das mit iOS 7 eingeführt wurde. iOS-7-Geräte im Umkreis von etwa 10 Metern können Nachrichten über den WLAN- und Bluetooth-Chip austauschen, selbst wenn sie im Flugmodus sind.

Um loszulegen benötigt man nichts weiter als einen Nickname. Keine E-Mail-Adresse, keine Telefonnummer, keine Bestätigungsmails oder -codes. Anonymität ohne Verbindung zum Internet. Eigentlich eine schicke Sache, gäbe es da nicht ein Problem: Firechat ist in zwei Bereiche aufgeteilt – einen öffentlichen, wo alle Leute reinschreiben können (und dafür auch eine Internetverbindung brauchen!) und einen „privaten“, wo eben nur all jene reinschreiben können, die sich in der direkten Nähe befinden.

Firechat floppt durch Beleidigungen

Warum das ein Problem ist, wird schnell klar, wenn man die App startet: Im öffentlichen Chatraum geht es zu, wie man sich den Innenhof eines Jugendknasts vorstellt. Entweder beleidigt man sich pausenlos oder man macht alles an, was in irgendeiner Weise nach weiblichem Namen aussieht. Zwischendrin ein paar Naziparolen oder Fakeaufrufe zum versauten Skype-Chat und billiger Spam.

Die Macher von Firechat, Open Garden, sind inzwischen soweit, dass sie den öffentlichen Chatraum wenigstens länderspezifisch trennen. Aber auch wenn nur die deutschen Nutzern in den Raum posten, ist er viel zu überladen. Nicht nur, dass ob der hohen Pubertätsrate keine anständige Kommunikation gewollt zu sein scheint. Nein, es wäre auch gar keine möglich bei der Flut an neuen Nachrichten, die sich inzwischen aber merklich verringert, weil das ständige Balzverhalten auch dem streitlustigsten Jugendlichen irgendwann mal auf den Keks geht.

Keine Interaktionsmöglichkeiten

Der „private“ Chatraum könnte das ändern. Schließlich kommuniziert man hier nur mit Personen in unmittelbarer Nähe (natürlich nur, insofern die Kette nicht so ellenlang wird, denn mit jedem Nutzer wächst natürlich die Distanz, über die man potenziell Nachrichten verschicken kann). Hier könnte dann endlich die revolutionäre Technologie zum Einsatz kommen. Doch was findet man: Gähnende Leere – selbst mitten in Köln (!). Das zeigt nicht nur meine Erfahrung, sondern spiegelt offenbar auch die allgemeine Meinung wieder, wenn man den öffentlichen Chatraum zwischen Schimpfereien und sexueller Belästigung nur solange im Auge behält, bis mal wieder eine Beschwerde über Firechat die Runde macht.

Außerdem vermisst man als WhatsApp-, Facebook- und Twitter-Nutzer leider auch die völlig private Kommunikation. Was ist denn, wenn ich tatsächlich mal jemanden gefunden habe, der aus meiner Nähe ist (Ortsangaben sind auch im öffentlichen Raum zu sehen) und mit dem ich mich gut verstehe? Wie kann ich mit ihm interagieren? Es gibt keine Erwähnungen (wie bei Twitter), keine Profile, keine privaten Nachrichten, keine weiteren Kommunikationswege. Wer wirklich den Austausch mit anderen Personen sucht, wird bei Firechat wohl schnell enttäuscht.

Dennoch: Die Technologie ist beeindruckend. Nur wird sie noch völlig falsch eingesetzt und ist zudem für einen Großteil der Nutzer – Androidler, Windows Phoneler – nicht abrufbar. Open Garden hat aber vorgemacht, was mit Apples Multipeer-Connectivity-Framework möglich ist. Sind wir mal gespannt.


Der Beitrag ist zuerst auf netzpiloten.de erschienen.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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