Reden hilft nicht: Deutschland braucht einen Obama

Mal ehrlich: Wie lange fordern wir – die Netzgemeinde – nun schon, dass die Politik in Deutschland netzaffiner werden muss? Ist es denn wirklich so, dass wir noch beweisen müssen, wie wichtig das Internet ist? Ist es immer noch an der Zeit, zu reden und zu reden und zu reden und zu reden? Langsam muss diese Erkenntnis doch auch in Berlin im letzten Politikerhirn angekommen sein. Leider weit gefehlt. Was Deutschland braucht ist ein Politiker, der es einfach mal macht – und alle anderen damit an der Nase rumführt.

Wir können alle Vorteile, die das Netz nunmal hat, runterbeten. Wir würden dennoch keine Diskussion gegen einen Politiker gewinnen, der das Netz verweigert. Mit halbseidenem Geschwafel vom Datenschutz und von sonstigen Risiken verzögert sich die digitale Entwicklung in Deutschland um weitere Jahre.

In den USA hat es Demokrat Barack Obama vorgemacht: Er ist bei der Präsidentschaftswahl 2008 ins Netz gegangen und hat seinen damaligen republikanischen Kontrahenten John McCain mehr oder minder ohne Gegenwehr dort geschlagen. McCain ging unter, die Jugend wählte Obama, Obama „twitterte“ und „facebookte“ mit ihnen seinen Wahlsieg.

2012 sah das dann schon wieder ganz anders aus. Plötzlich war Herausforderer Mitt Romney auch im Netz, die Republikaner twitterten mit, wurden geliked, retweetet und – entschuldigt die vielen hässlichen Anglizismen – gefaved. Bis zuletzt blieb die Wahl spannend.

Wenn ich mir etwas für das Superwahljahr wünsche, so sind das keine digitalen Analphabeten, sondern Internet-erfahrene Alpha-Tiere. Kandidaten, die ihre Politik nicht nach Infratest Dimap ausrichten, sondern unbequeme Visionäre, die uns auf eine vernetzte Zukunft vorbereiten. Eine Welt, die sehr viel komplexer und anstrengender sein wird, als alles, was wir bislang kannten. Eine Welt, die aber auch mehr Chancen und mehr Substanz zu bieten hat, als das, was uns die ewigen Polit-Populisten aus der Postkutschen-Ära weismachen wollen. Big Data statt Big Bla Bla – wo bitte darf ich mein Kreuzchen machen?
Richard Gutjahr

Münzt man die Entwicklung in den USA mal auf Deutschland um, dann stellt sich doch die Frage, was hier für so einen digitalen Wandel vonnöten wäre. Meiner Ansicht nach eine Art „deutscher Obama“ – Ein Politiker, der antritt, um es anders zu machen und die Merkels („Ich werde nie twittern“) und Steinbrücks („Ich mache jetzt mal ein super krasses ‚#Twinterview'“) mal ordentlich in die analogen Schranken weist.

Die Piraten sind hier sicherlich ein Anfang, wenngleich man hier keine allzu große Entwicklung mehr erwarten sollte. Ohne vernünftiges Programm und mit pubertärer „Das ist mein Förmchen“-Zickerei wird die Partei in der Politik nicht weit kommen. Zumindest aber hat sie für viel Wirbel gesorgt und gezeigt, wie schnell und einfach man Wählerstimmen im Netz gewinnen kann.

Wir können noch Hunderte von Stunden reden, Tausende von Zeilen in unsere Blogs hauen. In Deutschland werden die digitalen Schnarchnasen erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Erst dann, wenn eine Wahl in ab­sen­tia desaströs im Netz verloren wurde wird man auf den Trichter kommen, sich dorthin zu bewegen. Leider.

Bild: © Julian Schliwinski, jugendfotos.de, CC

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

8 Gedanken zu „Reden hilft nicht: Deutschland braucht einen Obama“

  1. „Erst dann, wenn eine Wahl in ab­sen­tia desaströs im Netz verloren wurde wird man auf den Trichter kommen, sich dorthin zu bewegen.“ – prinzipiell würde ich dir ja zustimmen, aber: wie soll eine Wahl im Netz verloren werden, wenn sie ALLESAMT nicht dort vertreten sind? Und wir Netzaffinen … Gehen wir deswegen nicht wählen, weil sie nicht im Netz unterwegs sind? Wohl kaum, das wäre zu gefährlich. Ergo: wie werden sie feststellen, dass „das Netz“ gegen sie ist? Ich selber würde mir auch wünschen, keine wöchentliche Predigt im Podcast zu erhalten, sondern erfrischende, ehrliche Tweets. Muss meiner Meinung nach nicht direkt von Merkel persönlich sein. Wenn sie weiter lieber SMS schreiben will, soll sie’s machen, sie hat hierfür ihren Regierungssprecher. Aber alle anderen? DAS wäre Bürgernähe. Aber dann müssten sie sich ja direkt mit uns potentiellen Wählern auseinandersetzen. Und das bedeutet Arbeit und könnte unbequem werden. Also lassen sie’s

    1. „aber: wie soll eine Wahl im Netz verloren werden, wenn sie ALLESAMT nicht dort vertreten sind?“ – Genau das meine ich doch. Es muss EINER mal kommen, der es macht. Dann sind die anderen gezwungen, nachzuziehen. Solange keiner den Anfang macht, zieht auch keiner nach. Das ist doch genau der Punkt.

      „Gehen wir deswegen nicht wählen, weil sie nicht im Netz unterwegs sind?“ – Du, ich denke schon, dass mehr (junge) Menschen wählen gehen würden, wenn die Politiker im Netz unterwegs wären. Es wird immer von Politikverdrossenheit der Jugend gesprochen, aber sind wir ehrlich: Wer spricht die Jugend denn da an, wo sie ist? Ist nicht eher Internetverdrossenheit der Politiker der springende Punkt?

      „Aber dann müssten sie sich ja direkt mit uns potentiellen Wählern auseinandersetzen. Und das bedeutet Arbeit und könnte unbequem werden.“ – Korrekt, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Die Frage ist aber, was ist mehr Arbeit? Social Media oder Wahlplakate an Laternen kleben? Die effektivere Arbeit ist sicherlich Social Media.

  2. Ich würde dir zu gern zustimmen, aber:

    a) solange wir diese austauschbaren Typen als Politiker haben, die am Ende des Tages alles das Gleiche sagen und machen und damit – zumindest für mich – allesamt unglaubwürdig sind
    b) aus meiner Sicht die wirklich netzaffinen Menschen nicht „die Jugend“ ist, sondern eher die ab Ende 20 aufwärts
    c) von der Öffentlichkeit die Arbeit mit den „social media“-Kanälen immer noch belächelt und nicht ernst genommen wir

    wird sich kaum etwas ändern. Meiner Meinung nach sind sie alle zu bequem geworden. Weil sie ja wissen, sie werden eh gewählt. Es gibt einfach keine ernstzunehmende Konkurrenz und die drei „Großen“ Rot/Schwarz/Grün im Grunde das Gleiche machen.

    Und: es sind BERUFSpolitiker. Die wissen schlicht und einfach nicht, was der „normale“ Bürger will oder was ihn bewegt. Und sie wollen es auch nicht wissen; denn wie gesagt, dies würde bedeuten, dass man sich mit den Leuten auseinandersetzen muss. Und das ist unbequem.

    Ich persönlich würde mir auch wünschen, statt der Plakatekleberei würde der Wahlkampf im Netz stattfinden. Aber dann bitte auch transparent und so, dass man sich informieren kann. Aber das wollen sie nicht, weil sie dann ja besser auf ihre Versprechungen festgenagelt werden können.

    So oder so … ich werde selbstverständlich wählen. Aber Lust habe ich keine.

  3. Zu a) Da stimme ich dir größtenteils zu. Die Politik in Deutschland ist unglaubwürdig.
    Zu b) Ich denke, das kann man nicht so genau abtrennen. Sprechen wir doch von den Digital Natives, die ja von der Jugend bis in die späten 20-er gehen.
    Zu c) Das stimmt. Aber ich denke, dass sich da in der Zukunft viel tun wird. Social Media ist ein großes Thema und das wird auch die Öffentlichkeit bald endlich begreifen.

    Da würde ein Kanzlerkandidat, der a) was kann, b) eine Meinung hat und c) diese im Netz vernünftig rüberbringt sicherlich helfen.

    Ich spreche hier nicht von Parteien. Natürlich sind Schwarz und Rot außer Konkurrenz. Ich rede von einem Kandidaten, welcher Partei auch immer, der einmal vormacht, wie es geht. Transparent, selbstbewusst, risikofreudig, kommunikativ, offen, aktiv, engagiert. Das sind doch die Schlagworte, mit denen sich mal einer trauen sollte. Wenn 2008 Obama nicht das Netz genutzt hätte und der Wahlkampf analog gewonnen worden wäre, hätte Mitt Romney dann 2012 Social Media so stark eingesetzt? Wer weiß.

    Ich denke, dass die Transparenz durch unsere weitestgehend exzellente Pressearbeit und die hierzulande gegeben Pressefreiheit ganz gut funktioniert. Die Politiker werden auf alles festgenagelt, was sie von sich geben – ob mit oder ohne Social Media.

    Mit der Bequemlichkeit hast du natürlich vollkommen recht. Solange die Bürger nicht zu bequem sind zu wählen, kann ich damit leben. Ändern werden wir es so oder so nicht, bis mal einer unbequem ist.

    Ein Obama vielleicht?!

  4. Ich denke Deutschland ist noch weit weit davon entfernt, in diesem Thema überhaupt mit Amerika verglichen zu werden. Und vielleicht wird man das auch niemals können (vor allem, wenn man sich die jetzige Entwicklung mal anguckt, wie auch oben bereits erwähnt). Korrigiert mich, wen ich falsch liege, aber am allermeisten über den amerikanischen Wahlkampf wurde in Twitter interagiert. Guckt euch die Twitter-lage in Deutschland an (ich glaube ich habe letztens was über 900k aktive Nutzer gelesen, und die Mehrheit davon weiß nicht mal wirklich, was Twitter an sich für eine Power hat und wie man diese ausnutzt). IN Deutschland müsste ersteinmal viel mehr von der Regierung und den Medien (gute und steigende Fortschritte) unternommen und geholfen werden, Social Media zu dem zu machen, um den Menschen zu zeigen, was damit alles möglich ist. Ich schaue da auf meinem Freundeskreis (und ich studiere Informationswissenschaften): Die meisten sind auf FB, nutzen das aber nur als Freundschaftsportal, ich glaube ich habe 4-5 Freunde die twittern (das weniger als unregelmässig), Google+ (hahahah) nutzt kein Mensch… Ich hoffe ihr versteht, was ich damit sagen möchte – man sollte sich erstmal um andere „Socialmedialen“ Ereignisse Sorgen machen.
    Die Frage meinerseits nun ist, würde ein deutscher Obama da helfen?

    1. Victor, ich fühle mit dir! Ich habe auch viel zu wenig Bekannte (und Kollegen), die Social Media gezielt einsetzen. Auf Facebook sind alle, auf Twitter kaum einer, auf Google+ … du weißt schon.

      Ich denke schon, dass ein „deutscher Obama“ viel helfen könnte. Er müsste die Massen halt mitreißen, so wie es Obama einst getan hat. Wobei auch hier natürlich auch ein Unterschied im Politikkonsum besteht zwischen Deutschen und Amerikanern.

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