Respekt! „SZ“-Redakteure lehnen „Henri“ ab

Puh, da haben die drei Redakteure der „Süddeutsche Zeitung“, Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter, für mächtig Wirbel in der Medienbranche gesorgt. Bei der Preisverleihung des Henri-Nannen-Preises am Freitagabend sollten sie für die Aufklärung der „Formel-1-Affäre“ bei der BayernLB für die beste investigative Leistung ausgezeichnet werden. So weit, so gut, hätte die Jury nicht vorher die Regularien geändert und versucht, nebst „SZ“- auch die beiden „BILD“-Redakteure Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch in derselben Kategorie auszuzeichnen.

Lange vorher wurde darüber diskutiert, ob es richtig sei, die „BILD“ für ihre Recherchen in der Causa Wulff auszuzeichnen. Schließlich sei es ein Boulevardblatt, das nicht in den Kreis der renomierten Preisträger gehören dürfte, so einige Stimmen. Viel entscheidender ist aber doch, dass die „BILD“ für außerordentlich plumpe Selbstdarstellung prämiert werden sollte. Scheibchenweise hat man die Mailbox-Nachricht des Bundespräsidenten a.D. an die Öffentlichkeit gebracht, obwohl man sich ja doch ach so edel geben wollte, in Chefredakteurs Büro.

Jedenfalls konnte man sich auch trotz mehrfacher geheimer Wahl in der Jury nicht einigen, wem der Preis der besten investigativen Recherche denn nun zustehe. So kam es dann, dass beide Aufdeckungen prämiert werden sollten. Wenn man bedenkt, was es für einen Skandal ausgelöst hat, als der „SPIEGEL“-Redakteur René Pfister letztes Jahr seinen erhaltenen „Henri“ kurz nach der Preisverleihung wieder aberkannt bekommen hat, weil er den Keller von Horst Seehofer im prämierten Porträt nie mit eigenen Augen gesehen hat (ja, ja, journalistisches Handwerk, ich weiß), dann erahnt man, was es bedeutet, wenn die Jury die Regeln ändert.

Leyendecker hat also den renomiertesten deutschen Preis für Journalisten stellvertretend abgelehnt. Frank Schmiechen, stellvertretender Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, twitterte dazu unter @weltkompakt: „SZ-Kollegen wollen nicht mit unseren Kollegen von Bild auf der Bühne stehen. Sehr schade“. Journalist Michael Praetorius äußerte sich ebenfalls: „Solange Preise für investigativen Journalismus noch an Journalisten gehen, sollten diese sie auch gemeinsam annehmen“.

Der Meinung waren die „SZ“-Redakteure offenkundig nicht. Ich halte ihre Entscheidung für richtig. Die Regeländerung der Jury war feige. Man wollte sich nicht dem ‚Shitstorm der Medienbranche‘ stellen, den es ja schon im Vorhinein gegeben hatte. Man wollte Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter dazu benutzen, die Entscheidung, der „BILD“ den Preis zu verleihen, rechtfertigen zu können. Leider aber hat man vergessen, dass die „SZ“ Eier hat, wie es Michael Umlandt in einem Tweet äußerte.

Wenn ein Journalist den „Henri“ erhält, ist das etwas ganz besonderes. Dieser Moment sollte nicht zu Zwecken der Überschattung der Feigheit der Jury vergeudet werden. Wenn diese der Meinung ist, die „BILD“ verdiene den Preis, dann hätte die „BILD“ ihn bekommen sollen. Alleine.

Bild: Henri-Nannen-Preis

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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