Social TV bei 2. TV-Debatte im Ersten: Gute Idee, leider schwach moderiert

Das durchweg furchtbare Wort „Teletwittern“, das sowohl durch seine Zusammensetzung, als auch durch seinen seltsamen Anglizismus negativ ins Auge sticht, beschreibt eine klasse Möglichkeit, Social TV zu machen. Während wir uns früher vollends auf das Fernsehprogramm konzentriert haben, gleitet unsere Aufmerksamkeit heute immer mehr gen mobile Geräte ab. Wir diskutieren über das Gesehene live bei Twitter oder Facebook am Smartphone oder am Tablet. Mit Social TV-Angeboten, wie etwa dem „Teletwitttern“, lenken die Sendeanstalten unsere Aufmerksamkeit wieder zurück auf den Bildschirm. Wir können im Teletext live mitlesen, was andere schreiben, an der Diskussion teilhaben und freuen uns, wenn wir auch ab und zu mal dort auftauchen. Auch gestern, beim 2. TV-Duell zwischen Mitt Romney und Barack Obama, versuchte sich Das Erste am Teletwittern. Gute Idee, schlecht umgesetzt.

Der Sinn des „Teletwitterns“ ist, dass die Zuschauer live an der Diskussion teilhaben können. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es bei den jeweiligen Sendeanstalten einer strikten, aber genauso fixen Moderation der eingehenden Tweets. Es darf nicht jeder, vielleicht emotional schnell beleidigende Tweet durchkommen, auf der anderen Seite, müssen die Tweets aber schnell und fix durchgewunken werden, um Missverständnisse zu vermeiden und die Nachrichten im Kontext zu halten.

Beim gestrigen TV-Duell zwischen US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und US-Präsident Barack Obama, waren die Tweets, die mit dem Hashtag „#USWahl“ gekennzeichnet sein mussten, leider schlecht moderiert. Zwar tauchten keine unangemessenen Wutausbrüche auf, aber der Zusammenhang war zu fast keiner Zeit der Townhall-Debatte gegeben. Ein Beispiel: Nach Romneys Antwort auf eine Frage, gab Moderatorin Candy Crowley Präsident Obama noch einmal das Wort und betonte, dass er sich „ganz kurz“ halten solle. Nachdem Obama ausholte und ausholte und recht lang erzählte, twitterte ich: „Das ist „ganz kurz“? #Obama #Romney #Debate #USWahl“. Der Tweet erschien, als Romney mit der Rede auf die nachfolgende Frage fast fertig war. Anschließend schrieb ich: „“Aggressiver“ hält er bisher ja schonmal ein. #Obama #USWahl #Debates“ und bezog mich damit auf eine Attacke Obamas, die er gegen seinen Gegenüber fuhr. Obama hatte bereits vor dem TV-Duell angekündigt, er wolle im Gegensatz zur ersten Debatte diesmal aggressiver sein. Der Tweet erschien ebenfalls erst, als Romney wieder im Bild war. Dieses Phänomen trat sehr häufig auf, sodass ich schnell Kritik übte.

Diese Kritik, die ich an den Twitter-Account @ARDWashington schickte, wurde erst nicht beachtet. Daraufhin folgten dann meine Tweets und ich schob nach: „… da hilft auch nicht, dass ihr jetzt meinen Tweet eingeblendet habt. @ARDWashington @WDR. #vielzuspät #USWahl“. Diesen Tweet wiederrum, der ja eigentlich gar nichts mit der Debatte zu tun hat und den Menschen vor den Bildschirmen absolut nichts bringt, weil sie seine Bedeutung ohne den ersten Tweet nicht verstehen könnten, blendete die ARD dann zu allem Überfluss auch noch ein. Spätestens da habe ich mich gefragt, ob überhaupt jemand mitliest oder die einzelnen Nachrichten einfach durchlaufen.

Zwar erhielt ich kurz darauf von @ARDWashington eine Antwort: „Stimmt da was nicht?“. Meine Erklärung „die Tweets kommen viiiiel zu spät. Dann lieber gar nicht, als sie nachzureichen. Da fehlt ja der Kontext.“ blieb dann aber wieder unbeantwortet.

Dabei wäre es gestern gar nicht so schwer gewesen, schnell zu moderieren. Schließlich war die twitternde Zuschauerschaft um 2:50 Uhr MESZ mit Sicherheit nicht mehr so stark vertreten, wie etwa bei der Fussball-EM in Polen und der Ukraine, wo das Teletwittern einwandfrei funktionierte. Und während beim Fussball sekündlich etwas passieren kann, ist das gestrige TV-Duell aufgrund seiner „Townhall“-Struktur eigentlich wie gemacht für das „Teletwittern“. Pro Frage aus dem Publikum, die je einem Thema entspricht, bleiben den beiden Kandidaten je zwei Minuten Redezeit. Die gesamte Debatte wird also (wenn auch grob) in vierminütige Blöcke aufgeteilt, in denen je ein Thema behandelt wird. Zeit genug für die Redaktion, die Tweets fein säuberlich rauszuhauen. Sobald das nächste Thema beginnt, sollten dann auch die nächsten Tweets an der Reihe sein.

Die Idee, das Fernsehen mit Twitter zu verbinden, hatte im übrigen im Januar 2011 schon der Kindersender der RTL-Gruppe, Super RTL. Auch dort wurden alle Tweets zur Musical-Serie „Glee“ im Teletext ausgegeben. Insgesamt trifft das Angebot bei der twitternden Zuschauerschaft auch stets auf Zustimmung, nur muss es besser moderiert sein, als gestern in der ARD.

[yellow_box]Wie erging es euch? Was haltet Ihr von „Teletwittern“ und wie wichtig ist Social TV für euch? Lasst es mich über den „tobiasgillen Blog“-Teletext wissen.[/yellow_box]

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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