Crowdsourcing: Journalistisch sinnvolle Anwendungszwecke für #Vine

Vine

Vine ist die neueste Social Media-Spielerei aus dem Hause Twitter. In maximal sechs Sekunden kann der videointeressierte Nutzer kurze Filme produzieren und auf der Plattform teilen. Eine Erklärung, was Vine ist und wie es funktioniert, habe ich hier letzte Woche für die „Netzpiloten“ mal zusammengeschrieben. Für uns Journalisten sind solch neue Ansätze immer sehr spannend, weil sich hieraus durchaus auch journalistisch sinnvolle Anwendungszwecke ergeben können. Um diese zu finden möchte ich hier eine Plattform für Diskussionen und Ideen, Kreativität und Experimentierfreudigkeit geben. Crowdsourcing für Vine.

Idee #1: Vine für Live-Berichterstattung nutzen. Vine ist ja quasi wie gemacht für Live-Berichterstattung, da die einzelnen Kurzfilme einfach auch via Facebook und Twitter geteilt werden können. Vorgemacht haben das etwa das ZDF oder die „Berliner Morgenpost“ bei der Goldenen Kamera 2013. Neben Bildern vom roten Teppich gab es auch tolle Kurzfilme, die die Atmosphäre bei der Preisverleihung toll einfingen und auch mal Blickwinkel boten, die man bei der normalen Fernsehübertragung im ZDF nicht bekam. Wer denkt (und dazu habe ich mich bis dato auch gezählt), Vine sei nur was für Menschen, die auf verwackelte und qualitativ schlechte Filme stehen, der wurde von ZDF und „Berliner Morgenpost“ eines Besseren belehrt, wie auch diese zwei Beispiele zeigen:

Kollege Martin Heller hat die Vine-Posts von ZDF und „Berliner Morgenpost“ auch hier nochmals in einem Storify zusammengefasst.

Idee #2: Die Leser am Zeitungsbau teilhaben lassen. Transparenz und Kommunikation sind im heutigen Journalismus wichtiger als je zuvor. Beim Aufbau dieser Transparenz helfen unter anderem Twitter, Facebook und YouTube, aber seit kurzem auch Vine, wie dieser Post der „Rhein-Zeitung“ beweist:

Dass die Idee ankommt, sieht man unter anderem auch an den hohen Retweet- und Fav-Zahlen. Schöne Idee!

Idee #3: Presseschau via Vine. Eine Idee, die mir gerade bei der Sexismus-Debatte in den letzten Tagen häufiger kam. Die Medien haben teils sehr unterschiedlich darüber berichtet und mit Vine könnte man einen zwar kurzen, aber dafür vielfältigen Überblick über die Berichterstattung geben. Das eignet sich natürlich nicht bei jedem Thema, aber bei solch groß diskutierten Themen möglicherweise doch ab und an. Eine ansprechende Umsetzung dürfte hier aber die Herausforderung werden.

Idee #4: Tweets besser visualisieren (von Andreas in den Kommentaren). Kollege Andreas Rickmann hat mit Vine einen Smartphone-Test aufgenommen: „Ich finde, in diesem Fall stellt es noch ein wenig mehr Nähe her und teasert den Text auf Twitter quasi optisch an – eine zusätzliche Ebene, die einen Artikel ergänzen kann, ohne Bilder oder auch Videos zu ersetzen. Eigentlich sehr spannend.“

Idee #5: Kurzstatements (von Martin in den Kommentaren). Kollege Martin Heller hatte die Idee, mit Vine Kurzinterviews zu führen: „Ein O-Ton in sechs Sekunden? Ja, das geht! Habe es mit meinen Kids ausprobiert (zwei O-Töne sogar) und auf der Vespa in voller Fahrt mit mir selbst… – man hört das sogar gut. Ist ein gutes Training sich kurz zu fassen und auf den Punkt zu kommen. Würde auch manchem Interviewpartner gut stehen. Natürlich müsste die Fragestellung jeweils eine sehr einfach sein.“

Idee #6: Umfragen. Zu Idee #5 von Martin kam mir die Idee, kleine Umfragen über Vine zu machen. Die könnten entweder nur Ja/Nein-Antworten in einem Vine enthalten oder aber je längere Statements in mehreren Vines. So könnte man z.B. eine typische Lokalzeitungsumfrage in der Fussgängerzone mit Vine aufnehmen. Auf die Frage „Halten Sie den Bürgermeister noch für vertrauenswürdig?“ könnten die Passanten dann mit Ja oder Nein antworten – schnell hintereinandergeschnitten bekommt man so auch in sechs Sekunden eine ganze Menge Menschen zusammen und kann einen guten Stimmungsüberblick geben. Man kann die Passanten darauf auch in einem Satz antworten lassen („Nein, weil er sich bei dem Vertrag zu stark verkalkuliert hat“ würde locker passen) und dann ein paar Vines hochladen und eventuell mit einem Hashtag bei Twitter (#BM_Vertrag) verbinden und in einen Artikel hochladen. Hier fehlt bei Vine noch die Funktion, Vines in Boards oder Kategorien zu ordnen, wie man etwa Fotos in Pinterest ordnen kann.

Idee #7: #Newsvine. Lars Wienand von der „Rhein-Zeitung“ zeigt mit einem #Newsvine von einem Autounfall, wie Vine auch Nachrichten schnell mal multimedial visualisieren kann und fragt daraufhin, ob sich Vine dafür eigne. Die Meinungen auf Twitter sind durchwachsen, Probleme sehen die Nutzer unter anderem bei dem nicht abstellbaren Loop und dem fehlenden Mehrwert („Man kann ja auch einzelne Bilder posten“). Die Frage nach dem Mehrwert beantwortet Lars Wienand mit dem Argument, dass ein Vine-Video beispielsweise schneller im „Rhein-Zeitung“-CMS sei, als einzelne Bilder.

[highlight]Nun seid ihr dran! Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr euch zu den hier vorgestellten Ideen kritisch äußern würdet und besonders natürlich über weitere Ideen, die wir hier dann in hoffentlich großer Runde diskutieren können. Ideen, Beispiele und Meinungen werde ich dann nach und nach auch hier im Artikel ergänzen und vorstellen.[/highlight]

Klick-Tipp: Vine-Videos ganz einfach in Blog oder Website einbetten (ohne Tweet)

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

14 Gedanken zu „Crowdsourcing: Journalistisch sinnvolle Anwendungszwecke für #Vine“

  1. Also, seien wir ehrlich: 6 Sekunden sind verdammt wenig, um wirklich relevante Dinge zu vermitteln. 6 Sekunden sind: Die Geheimzahl am Geldautomaten eingeben. Den Fernsehsender wechseln. Mal wieder fluchen. Es bleiben also: 6 Sekunden für ein Statement. 6 Sekunden für einen besonderen Moment. 6 Sekunden für Stop Motion. 6 Sekunden für Satire. Wirklich sinnvolle und relevante Dinge lassen sich in 6 Sekunden nicht vermitteln.

    1. Dem setze ich entgegen, dass bei Twitter 140 Zeichen auch nicht ausreichen. Es sei denn, man wird kreativ und versucht die Dinge trotzdem rüberzubringen. Ich finde die Blicke hinter die Kulissen bei der GoKa schon sehr relevant für die Web-Community des Mediums. Nicht?

      1. Hätte man das nicht auch mit entsprechenden Fotos rüberbringen können – wie man es bisher bei offiziellen Anlässen ja auch gemacht hat? Ich glaube, dass die Web-Community eher auf Livestreams oder auf längere Beiträge wartet. Mit Stimme und vielleicht auch mit Kommentar.

        Es gibt bei euronews ein interessantes Format: no comment zeigt für ein oder zwei Minuten eine weltpolitisch relevante Szene ohne Kommentierung. Man zeigt einfach nur die Bilder. Dieses Format wäre eigentlich auch ein Format für Vine. Nur dafür sind dann wieder die 6 Sekunden zu kurz.

        Vielleicht bin ich aber auch zu konservativ dafür – oder habe das Medium nicht verstanden.

  2. Idee #4: Ich hab zu einer Smartphone-Vorstellung vor einigen Tagen ein Vine gedreht (https://twitter.com/a_rickmann/status/297073547136884736 ) und mich natürlich auch gefragt, welchen Mehrwert ich damit geben kann. Ich finde, in diesem Fall stellt es noch ein wenig mehr Nähe her und teasert den Text auf Twitter quasi optisch an – eine zusätzliche Ebene, die einen Artikel ergänzen kann, ohne Bilder oder auch Videos zu ersetzen. Eigentlich sehr spannend.

        1. Hm, schon. Aber nicht als Unternehmen, dass seine eigenen Produkte darstellt, oder? Für mich ist das PR. Anders z.B. als Idee #4 von Andreas. Er hat das Produkt getestet und seinen Testbericht-Tweet visualisiert. Da passt das für mich.

  3. Wie kann man Kurz-Statements in die Vine-Berichterstattung integrieren, das treibt mich gerade um. Ein O-Ton in sechs Sekunden? Ja, das geht! Habe es mit meinen Kids ausprobiert (zwei O-Töne sogar) und auf der Vespa in voller Fahrt mit mir selbst… – man hört das sogar gut. Ist ein gutes Training sich kurz zu fassen und auf den Punkt zu kommen. Würde auch manchem Interviewpartner gut stehen. Natürlich müsste die Fragestellung jeweils eine sehr einfach sein. Bin so gespannt, was wir mit dem Spielzeug noch so alles anstellen werden.

    1. Hi Martin,

      Klasse Idee! Schau mal in den Artikel. Ich habe es hinzugefügt und direkt noch eine Idee, die mir dazu kam.

      Ich bin auch sehr gespannt, hier kommt bestimmt noch was zusammen.

      LG

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