Social Flattr: Weniger Einnahmen, mehr Wertschätzung

Flattr, diese tolle Erfindung aus Schweden, die es ermöglichen soll, im Internet auf freiwilliger Basis für Inhalte kleine Beträge zu spenden. Irgendwann, es muss vor etwas über einem Jahr gewesen sein, meldete auch ich mich dort an, weil ich an das Konzept des Micropayment glaubte und es auch heute noch tue.

Schaut man sich die taz mit ihrer Zahlungsoffensive „taz zahl ich“ an, wird klar, dass dieses Konzept aufgehen kann. Sicherlich lässt sich damit keine Zeitung finanzieren, aber durch die Flattr-Integration kommen bei der „taz“ regelmäßig ordentliche Summen zusammen, mit denen man den ein oder anderen Journalisten gut bezahlen kann. Immerhin. Meine Anmeldung bei Flattr hatte damals weniger was damit zu tun, dass ich damit reich werden wollte. Es ging dabei viel mehr darum, anderen Inhalten – bzw. deren Autoren – eine Wertschätzung entgegen zu bringen. Dass dabei auch der ein oder andere Cent für mich abfällt, ist dabei eher ein positiver Nebeneffekt. Nachdem Flattr aber nie den wirklichen Schwung aufgenommen hat, startet es seit einiger Zeit eine neue, sozialmediale Offensive – hier „Social Flattr“ genannt. Ein paar Erfahrungen mit den neuen Möglichkeiten, eine Erklärung, wie das alles funktioniert und warum ich denke, dass Social Flattr eine tolle Idee ist.

Jeder sollte selbst entscheiden, ob jetzt ein Fav für einen Tweet oder ein Bild dieselbe Relevanz einer Micro-Spende haben sollte, wie ein aufwändig recherchierter Artikel.
Markus Beckedahl

Schon lange versucht Flattr, sich über die sozialen Netzwerke den Nutzern anzunähern. „I just flattred …“, liest man hin und wieder mal auf Twitter oder Facebook. Oder den Hinweis, dass ein Nutzer geflattred wurde. Seit kurzem gehen die Schweden nun einen Schritt weiter und lassen die Social Media-Profile der Nutzer mit Flattr verbinden. So kann man sich etwa mit Twitter, Instagram oder SoundCloud dort anmelden und seine Inhalte automatisch flattrbar (ihr merkt: Ich liebe diese Anglizismen) machen und selbst Inhalte auf den Plattformen flattrn.

Über Einstellungen (oben rechts) -> Verbindungen kann man seine Social Media-Profile kinderleicht mit Flattr verknüpfen.

Folgende Dienste werden unterstützt:

    Bei Twitter flattrt man automatisch jeden Tweet, den man favorisiert.
    Bei Instagram flattrt man automatisch jedes Foto, das man liked.
    Bei SoundCloud flattrt man automatisch jeden Song, den man liked.
    Bei App.net flattrt man automatisch jede Quelle, die man mit einem Star belegt.
    Bei 500px flattrt man automatisch jedes Bild, das man favorisiert.
    Bei Vimeo flattrt man automatisch jedes Video, das man liked.
    Bei Flickr flattrt man automatisch jedes Bild, das man favorisiert.
    Bei GitHub flattrt man automatisch jede Quelle, die man mit einem Star belegt.

Zudem wurde auch die Profilansicht nochmal aufgehübscht und mit den Profilen verbunden. Die Idee hinter Social Flattr ist durchaus sinnvoll. Denn man braucht nicht zwingend ein Blog oder ein Portal, um tolle Inhalte zu liefern. Wenn mir Liveberichterstattung eines Twitter-Nutzers gefällt, dann favorisiere ich einfach seine Tweets und lasse ihm so ein wenig Wertschätzung zukommen. Gefällt mir die Arbeit eines Nutzers auf Github oder ein Video auf Vimeo, dann ist es ebenso einfach, für diese Dinge zu spenden und den Menschen dahinter die Freude der „You were just flattred“-E-Mail zu bereiten.

Auch ich merke im März und April einen deutlichen Zuwachs, was die Klicks auf meine „Sachen“, wie Flattr sie nennt, angeht. Es wurden sogar schon mehrfach Instagram-Bilder geflattrt, was ich total spannend zu beobachten finde. Doch stelle ich mir natürlich die Frage, was diese Klicks jetzt noch wert sind.

Für mich ist es etwas besonderes, einen Flattr zu vergeben. Das kommt – da bin ich ganz ehrlich – sogar eher selten vor. Aber wenn mich ein Artikel, eine Reportage oder ein neues Projekt richtig begeistern kann, dann freue ich mich, dort ein bisschen was des Kuchens hinzugeben. Ich denke, so wird es vielen Nutzern gehen. Man flattrt nicht jeden Text, den man liest. Man flattrt das, was einen umhaut. Nun ist es aber bei mir so, dass die Hemmschwelle, einen Tweet zu favorisieren oder ein Instagram-Bild zu liken wesentlich niedriger liegt, als den Flattr-Button manuell zu betätigen.

Vermutlich muss man seine Flattr-Statistik nun einfach nur neu lernen zu interpretieren. Geflattrte Artikel, die man auf seinem Blog veröffentlicht hat, werden die hohe Hemmschwelle behalten. Die Favs und Likes in den Netzwerken sind dann eventuell zwar eine Wertschätzung, aber nicht mehr zwingend eine bewusste. Wer hat schließlich im Hinterkopf „oh, wenn ich das like, flattre ich zeitgleich“?

Social Flattr spiegelt sich natürlich auch in den Einnahmen wieder. Ich erreiche hier auf dem Blog pro Monat einen niedrigen fünfstelligen Bereich an Lesern, pro Tag also mehrere Hundert. Seit ich Flattr nutze, wurde das Blog als solches (Sidebar) 27 Mal geflattrt und einzelne Artikel (unten drunter) hin und wieder mal, ich werde insgesamt für die Seite tobiasgillen.de auf knapp 40 Flattrs kommen. Insgesamt habe ich 64 Flattrs von 24 verschiedenen Personen erhalten und damit in den letzten Monaten knapp 60 Dollar eingenommen, also etwa 45 Euro. Schaut man sich die einzelnen Monate an, so waren manche Monate mit knapp 10 Euro dabei, andere mit nichts oder wenigen Cent. Es ist unterm Strich fast keine Kontinuität vorhanden, wogegen man jetzt natürlich als findiger Leser entgegnen könnte, dass diese auch hier auf dem Blog nicht besteht.

Die „großen“ Flattr-Seiten

Durch Social Flattr ist die Anzahl der Klicks in den letzten Wochen gestiegen – keine Frage. Allerdings sinken damit natürlich auch die Einnahmen. Je höher die Anzahl, durch die der Kuchen geteilt wird, desto kleiner das Stück, logisch. Mir ist das nicht wichtig, ich bin schon mit den 45 Euro super zufrieden. Wenn ich das hochrechne, kann ich nach drei Jahren für ein Jahr mein Blog durch diese Einnahmen finanzieren, worüber ich mich sehr freue. Entscheidender wird es für diejenigen, die Flattr professionell(er) nutzen. So etwa Markus Beckedahl bei netzpolitik.org oder Johnny Haeusler von Spreeblick.com.

„Natürlich ist ein Teil der Sache, dass mehr Verteilungskanäle hinzu kommen, viel wichtiger wäre aber, sich auf die andere Seite zu konzentrieren und mehr aktive Nutzer zu bekommen. Flattr kennt kaum jemand, der in der ersten Welle nicht dabei war“, glaubt Haeusler, dessen Startseite aktuell über 2.000 Flattr-Klicks zählen darf. Auf meine Frage, ob durch das Liken unbewusster geflattrt wird, entgegnet er: „Oder bewusster geliket.“ Für diese Entwicklung bedarf es meiner Meinung nach aber noch einige Zeit. Es dürfte dauern, bis Nutzer Flattr so viel Gewicht beimessen, dass sie davon ihre Likes abhängig machen. Dafür ist auch die Nutzerbasis noch viel zu klein. Durch Flattrs sozialmediale Verknüpfungen, glaubt auch Hauelser, könnte sich dies aber in positiver Weise entwickeln. Das denkt auch Markus Beckedahl, der bei netzpolitik.org aktuell über 11.000 Flattr-Klicks verzeichnet: „Im Grunde genommen macht es Sinn, wenn Flattr sozialer wird und die Klicks auf mehr Personen verteilt werden“, und weiter: „Jeder sollte selbst entscheiden, ob jetzt ein Fav für einen Tweet oder ein Bild dieselbe Relevanz einer Micro-Spende haben sollte, wie ein aufwändig recherchierter Artikel.“

Die „großen“ Flattr-Nutzer sehen die Entwicklungen also recht entspannt, wobei Hausler angibt, dass sich die Einnahmen über den Micropayment-Dienst „eher in Grenzen“ halten. Beckedahl dazu: „Meine Erfahrung ist generell, dass sich Flattr leider bei uns auf netzpolitik.org nicht in die Richtung entwickelt hat, dass aufwändige Recherchen darüber finanziert oder sich zumindest dafür darüber bedankt wird.“

Ich persönlich finde Social Flattr eine schicke Idee, die hoffentlich zur Etablierung des Dienstes beiträgt. Wenn jeder ein bisschen gibt, können tolle Projekte wirklich davon profitieren. Auch wenn die Einnahmen erstmal weniger werden, wird es häufiger kleine Wertschätzungen geben – und darauf kommt es beim Flattr-Prinzip doch schließlich an, oder?

UPDATE 1, 16.04.2013: Twitter hat Flattr den Dienst untersagt.

UPDATE 2, 16.04.2013: YouTube ist nun auch flattrbar.

UPDATE 3, 16.04.2013: Habe für „BASIC thinking“ über die neusten Entwicklungen geschrieben.

UPDATE 4, 10.05.2013: Aus Transparenzgründen möchte ich euch die Flattr-Statistik für April 2013 nicht vorenthalten. Es gab insgesamt 25 Flattrs, davon 13 auf diesen Text, die 11,83 Euro ausmachten. Insgesamt habe ich im April 14,68 Euro eingenommen, die 1,63 Euro Flattr-Gebühr schon abgezogen. Die restlichen 12 Flattrs gehen auf Tweets und auf andere Artikel sowie 1 Euro auf das Blog als solches, das zwei Mal geflattrt wurde. Vielen Dank dafür!


Was denkt ihr, wird Flattr durch die Verknüpfungen zu Twitter und Co. mehr genutzt werden? Was bedeutet Social Flattr für euch? Nutzt ihr Flattr überhaupt? Warum? Und was sind eure Erfahrungen mit dem Dienst?

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

9 Gedanken zu „Social Flattr: Weniger Einnahmen, mehr Wertschätzung“

  1. Neu ist das SocialFlattr ja nicht. Mit SuperFav & Co gab es diese Möglichkeit ja schon länger. Mit der direkten Integration durch Flattr selbst bekommt das Ganze nun noch etwas mehr Gewicht.

    Ich nutze Flattr gern aber auch sehr bewusst. Habe einige Abonnements, worüber ich meine Lieblingsseiten oder Podcast automatisch jeden Monats flattr. Und natürlich auch über den Monat verteilt werden gute Artikel belohnt. Auch Twitter & Instagram ist mit Flattr verknüpft. Ich fave und like schon recht bewusst, das war aber auch vor Flattr schon so.

    Im Laufe der Nutzung habe ich mein Flattr-Budget stetig erhöht und ich hoffe, es finden sich immer mehr Nutzer, die eine solche Möglichkeit nutzen, um gute Autoren, Podcaster etc. zu belohnen. Auch wenn es nur Cent-Beträge sind, ist es eine Art sein Danke mit etwas mehr „Schwere“ zu unterlegen und seine Wertschätzung auszudrücken.

      1. Naja, mit der Integration durch Flattr hat sich SuperFav erledigt bzw. Udo hat sich dafür entschieden, ein anderes Projekt anzugehen. Flattrstar ist noch aktiv und bietet noch so ein paar Kleinigkeiten als Extra.

        Diese Projekte haben aber auf jeden Fall dazu beigetragen, dass es nun bei Flattr direkt integriert ist. In jedem Fall also ein Gewinn. :)

  2. Ich nütze Flattr recht intensiv.

    Auch wenn es nicht „reich“ macht, ist es aber ein schönes Gefühl andere dadurch zu zeigen das man ihre Einträge schätzt.

      1. Es kommt schon einiges zusammen. Liegt natürlich auch an den Themen die man seinen Lesern präsentiert. ;)

        Social Media-Integration? Nicht darauf geachtet.

  3. Pingback: Pottblog
  4. Super Zusammenfassung. Bin auch selber enthusiastischer flattr Fan – die Idee ist einfach zu gut um zu scheitern. Momentan scheint die flattr-Community auch noch meist aus ähnlich Gesinnten zu bestehen, ohne viele Allgemeinnutzer. Kann aber leider nicht viel mehr machen als ab und zu auch mal Noch-nicht-User zu flattrn – in der Hoffnung dass die paar Cents Begehrlichkeiten wecken :D.
    Vielleicht ist ja die News das Twitter sich dagegen sperrt gross genug um Aufmerksamkeit zu generieren – dann hat’s vielleicht sein Gutes.

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