Texterella und das Plagiat: Wie Modebloggerin Susanne Ackstaller ihre eigene Kolumne in der „WELT“ bekam

„Liebe WELT!“ titelt Susanne Ackstaller am Sonntag auf ihrem Blog. Wer hierbei auf einen philosophischen Sonntagstext über beispielsweise schöne Herbsttage oder bedeutsame Begegnungen hofft, wird leider enttäuscht. Es handelt sich vielmehr um einen offenen Brief an die „WELT“-Redaktion. Ackstaller wirft dieser vor, eine ihrer Modekolumnen in der Printausgabe vom 16. November plagiiert zu haben. Über die vorbildliche Reaktion der „WELT“ und wie Susanne Ackstaller nun zu ihrer lange erwünschten „WELT“-Kolumne kam. Die Zusammenfassung einer tollen Geschichte.

Es geht um Susanne Ackstallers Kolumne „Sag niemals nie“, die sie auf ihrer Website „Lipgloss & Champagner“ vor gut eineinhalb Jahren veröffentlicht hat. Diese leitet sie wie folgt ein:

Hässlich kann so schön sein. So sexy. Und so erfolgreich. Das wissen wir spätestens seit Barbara und Bette. Seit Jean-Paul und Gerard. Mick Jagger. Beth Ditto. Dem 2CV, Pril-Blumen und Leggings. Seit Männern mit Segelohren und Frauen mit Silberblick. Und seitdem Australien uns mit Lammfellstiefeln beliefert, die aussehen wie ein Babyelefantenfuß.
Susanne Ackstaller

In der „WELT“ vom 16. November soll es laut Ackstallers offenem Brief zu einem Plagiat ihrer Kolumne im Text „Hässliche Schönheit“ gekommen sein, der zwar online gestellt wurde, inzwischen aber wieder offline ist. Sie schreibt:

Uuups und weia. Da fiel jemandem nix ein (das kenne ich!) und hat es sich dann ganz leicht gemacht (das wiederum kenne ich nicht!). Und sich flugs mal ordentlich inspirieren lassen! Gelinde ausgedrückt. Naja, perfide umschreiben ist halt auch ein Talent – hat aber leider dann doch nicht gereicht, um die krasse Ähnlichkeit nicht offensichtlich zu machen.
Susanne Ackstaller

Im Folgenden zeigt sie sich wütend über die unerlaubte Benutzung ihres geistigen Eigentums und schreibt:

Ich bin sehr enttäuscht. Umso mehr, weil ich seit 20 (ZWANZIG!!) Jahren die WELT im Abo lese, und die WELT am SONNTAG noch dazu. Euer Lifestyle-Magazin ICON gehört(e) für mich zu den monatlichen Highlights. Wie gerne hätte ich dafür mal eine Kolumne geschrieben! Nun, habe ich jetzt ja auch. Irgendwie. Leider nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte.
Susanne Ackstaller

Gerade unter diesem Gesichtspunkt kann man Ackstallers Wut und Enttäuschung verstehen, doch letztlich sollte sich das Blatt für die Werbetexterin doch noch zum Guten wenden. Bereits eine Stunde nach der Veröffentlichung des Artikels kommentierte (Kommentar #6) der stellvertretende Chefredakteur der „WELT“-Gruppe, Frank Schmiechen, den Vorwurf: „Vielen Dank für den Hinweis. Ich kläre das mit unserer Autorin und melde mich.“ Keine anderthalb Stunden später bekam Susanne Ackstaller einen weiteren Kommentar aus der „WELT“-Redaktion. Diesmal von Matthias Leonhard, dem Redaktionsleiter (Kommentar #16):

Wir entschuldigen uns in aller Form. Die junge Kollegin wurde streng ermahnt, ihre Modekolumne wird mit sofortiger Wirkung eingestellt. Wir werden auch noch einmal direkt Kontakt zu Texterella aufnehmen.
Matthias Leonhard

Wenige Minuten später postete Frank Schmiechen via Twitter den Link zu Ackstallers Artikel mit dem Zusatz „Da hat eine junge Kollegin richtig Mist gebaut. Mal schauen, was wir für Susanne Ackstaller tun können“ und wenig später: „Liebe @textelle. Es tut mir wirklich leid. Wie wäre es, wenn Sie mal etwas für uns schreiben? Wir würden uns freuen!„.

Und so kommt es, dass Susanne Ackstaller ab sofort alle vier Wochen eine Modekolumne für die „WELT“ schreiben darf, wie Frank Schmiechen gegenüber „MEEDIA“ bestätigte. Schmiechen dazu: „Wir haben eine neue Autorin. Ich freue mich!

@weltkompakt Ich freue mich auch. :-)
Susanne (@textelle) Ackstaller, 26. November 2012

Und so bekommt die kurzfristige „WELT“-Plagiatsaffäre doch noch ein Happy End für beide Seiten. Die Zeitung hat eine kreative Modekolumnistin dazu gewonnen und Susanne Ackstaller hat ihr Ziel erreicht. Von diesem Umgang mit Kritik und Vorwürfen könnte sich so manche Zeitung in Deutschland mal eine große Scheibe abschneiden. Kompliment. Zu dem Tatbestand des Plagiats bei einer Zeitung wie der „WELT“ hingegen muss ich mich nicht äußern, oder?

Nachtrag, 2. Dezember 2012: Hier wurde die inzwischen gelöschte Fassung der Kolumne hochgeladen:

– Mit Dank an Lars W.

Bild: Alexander Klaus, pixelio.de

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

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