Warum ich eine Zeitung mit gelegentlich weißen Flecken kaufen würde

Auf seinem tollen Blog „Deadline“ beim schweizer „Tagesanzeiger“ fragt Journalist Constantin Seibt, ob seine Leser eine Zeitung kaufen würde, die gelegentlich mit weißen Flecken erscheinen würde. Diese solle die Redaktion immer dann lassen, wenn ein Artikel aus zeitlichen Gründen noch nicht den Qualitätsstandards des Mediums gerecht wird. Stattdessen, so schlägt Seibt vor, sollte sie den Platzhalter mit „Hier sollte eigentlich ein Artikel über {hier das Thema} stehen. Leider ist er noch nicht wirklich perfekt. Aber wir arbeiten hart daran, ihn bis zur nächsten Ausgabe hervorragend zu machen.“ betiteln und am nächsten Tag mit mehr Ruhe an das Thema rangehen. Ein paar Gedanken dazu, warum ich eine solche Zeitung ebenfalls sofort abonnieren würde.

Würden Sie eine solche Zeitung kaufen? Würden gelegentliche weisse Flecken Ihr Vertrauen in eine Publikation schwächen oder stärken? Wäre der Fleck nicht souveräner als ein halbgarer Artikel? Oder würde er das Blatt ewigem Gespött preisgeben?
Constantin Seibt

Um es mal vorsichtig auszudrücken: Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, würde ich mir an manchem Tag wünschen, dass teils ganze Seiten weiß geblieben wären. Was die betroffenen Medien im Zuge des Zeit- und Konkurrenzdrucks kurz vor Redaktionsschluss noch in den Druck geben, ist einer journalistischen Publikation häufig nicht mehr würdig. Rechtschreib-, Grammatik und Faktenfehler treten immer dann vermehrt auf, wenn eine Meldung abends kurz vor knapp noch die Redaktionsräume erreicht.

Das Konzept der Tageszeitung ist schon lange nicht mehr aktuell. Wer eine Nachricht braucht, der findet sie im Internet, in News-Apps oder direkt per Push aufs Handy-Display. Für tagesaktuelle Nachrichten schlage ich immer seltener die Zeitung auf, die ich morgens aus dem Briefkasten fische, schon weitaus früher habe ich Twitter gescannt und die „SPIEGEL ONLINE“-App überflogen. Alles, was ich dann auf den ersten Seiten der Zeitung finde, kann mich nur noch wenig überraschen. Anders verhält sich das bei Magazinen. Ich lese beispielsweise sehr gerne den gedruckten „SPIEGEL“ – einfach, weil ich die Mischung aus einer wöchentlichen Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und einem Ausblick auf kommende Dinge sehr schätze.

Somit ist es für mich irrelevant, Neuigkeiten, die abends noch die Redaktion erreichen, morgens in meiner Tageszeitung vorzufinden. Entweder ich weiß davon schon am Abend per Twitter-„+++ EIL +++“-Meldung, erfahre es in der „Tagesschau“ oder in den Tiefen des Internets. Und ich bin mir fast sicher – so bitter das für die Tageszeitung als solche auch sein mag -, dass ich damit nicht alleine dastehe.

Warum also noch auf biegen und brechen Meldungen in die Zeitung bringen, die dann unter Umständen auch noch markante Fehler aufweisen? Nicht nur, dass sich durch diese Fehler der Preis des abonnierten Produkts immer schlechter rechtfertigen lässt. Auch das Vertrauen der Leser spielt hier eine Rolle. Gerade Jugendliche vertrauen der Tageszeitung nach wie vor mehr, als Fernsehen, Radio und Internet – in dieser Reihenfolge. Wer also nicht so genau hinschaut wie Stefan Niggemeier, die Kollegen des „BILDBlog“ oder andere kritische Geister, könnte durch diese Meldungen schnell Fehlinformationen vertrauen.

Ich finde, Ehrlichkeit und Transparenz sind im Journalismus zwei der wichtigsten Güter. Das schafft Vertrauen und wirkt souverän. Das, was die Medien von Politikern immer so emsig einfordern, nämlich den Rücktritt und eine lückenlose Aufklärung nach Fehlern (Schavan, Guttenberg, Wulff, …), sollten sie selbst ebenfalls praktizieren. Jeder Politiker, der sich nach der Aufdeckung seines Fehlers an sein Amt klammerte, machte sich lächerlich. Und damit dieser Autoritätsverlust bei den klassischen Medien nicht eintritt, sollte sie sich bemühen, Fehler einzugestehen – oder, noch besser, sie gar nicht erst zu machen.

Daher würde ich eine Zeitung, die gelegentlich weiße Flecken enthält, sofort abonnieren. Denn ich wüsste: Auf diese Informationen kann ich mich verlassen, zumindest mehr, als bei einem anderen Produkt. Ich würde sie nicht nur abonnieren, ich würde sie lieben. Denn genau das ist es, was dem schnellen Journalismus von heute häufig fehlt: Ehrlichkeit. Und Faktensicherheit unter großem Zeitdruck. Die Nachricht habe ich sowieso schon, ob ich sie am Morgen bekomme oder am Tag drauf besser aufbereitet – ich weiß, was mir lieber wäre.

Auch wenn ich die Arbeit von Stefan Niggemeier, „BILDBlog“ und Co. sehr schätze und für überaus wichtig empfinde: Ein bisschen weniger Stoff für die kritischen Kollegen könnte der Medienlandschaft nicht schaden. Seibts Ansatz ist ein beachtenswerter und einer, den man nicht einfach so vom Tisch kehren sollte, wie Seibt es aus seiner Erfahrung berichtet:

Ich habe ihn schon vielen Leuten vom Fach vorgeschlagen und eigentlich haben ihn alle für widerlich oder für verrückt erklärt. Je höher in der Hierarchie, desto entschiedener.

Spott gibt es bei Fehlern, Respekt bei der Souveranität, diese nicht zu machen – und dafür hier und da auf eine Meldung zu verzichten, die ohnehin schon jeder kennt.

Bild: barmala / flickr.com, CC

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

2 Gedanken zu „Warum ich eine Zeitung mit gelegentlich weißen Flecken kaufen würde“

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