Warum ich einen Adblocker nutze – eigentlich aber doch nicht

Drüben bei lousypennies.de hat der sehr geschätzte Karsten Lohmeyer einen wichtigen Beitrag zum Thema Adblocker geschrieben. Seine Kernaussage: „Ich würde mir eher einen Arm abhacken, als einen Adblocker zu benutzen.“ Ich habe das lange genauso gesehen. Inzwischen differenziere ich bei dem Thema aber etwas mehr – und nutze tatsächlich seit einigen Monaten auch einen Adblocker. Meine 5 Cent zu dem Thema.

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Drüben bei lousypennies.de hat der sehr geschätzte Karsten Lohmeyer einen wichtigen Beitrag zum Thema Adblocker geschrieben. Seine Kernaussage: „Ich würde mir eher einen Arm abhacken, als einen Adblocker zu benutzen.“ Ich habe das lange genauso gesehen. Inzwischen differenziere ich bei dem Thema aber etwas mehr – und nutze tatsächlich seit einigen Monaten auch einen Adblocker. Meine 5 Cent zu dem Thema. 

Keine alternativen Einnahmequellen

Solange die Verlage und Medienhäuser keinen alternativen Weg gefunden haben, ihre Arbeit bei fairer Bezahlung für die Journalistinnen und Journalisten und angemessenen redaktionellen Rahmenbedingungen zu finanzieren, wird das bisher gängige Geschäftsmodell „Werbung gegen Journalismus“ weiter die Haupteinnahmequelle sein. So viel ist wohl sicher.

Experimente wie das von golem.de oder der „taz“ oder Paywall-Modelle wie das der „Rhein-Zeitung“ sind erste, zarte Schritte weg von diesem Modell, das so viele Gefahren zu so schlechtem Ertrag mit sich bringt. Stellt man die lächerlichen TKP-Preise gegen Problematiken wie Abhängigkeiten, fehlende Planungssicherheit oder mangelnde Nutzerfreundlichkeit, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass Banner-Werbung einfach nicht mehr (oder: noch nicht?) taugt für die Finanzierung von journalistischer Arbeit im Netz.

Teufelskreis durch Adblocker

Aber klar: Es ist der einzige Weg, um wenigstens halbwegs Geld reinzubekommen, wenn man eben kein Abo- oder Paywall-Modell fahren möchte. Dabei befinden wir uns leider seit dem Boom der Adblocker in einem Teufelskreis: Je mehr Menschen Adblocker nutzen, desto weniger verdienen die Verlage. Je weniger die Verlage verdienen, desto mehr Werbung brauchen sie auf der Seite. Je mehr Werbung sie auf der Seite haben, desto mehr Menschen nutzen Adblocker.

Logisch, dass es bei den Summen und Arbeitsplätzen, um die es hier geht, nicht ganz einfach ist, aus dem Kreis auszubrechen. Probiert haben es spiegel.de, golem.de, faz.net, sz.de, zeit.de und rp-online.de im Sommer 2013 mit einer groß angelegten Anti-Adblocker-Kampagne, in der sie die Leser dazu aufriefen, ihre Adblocker auszuschalten. Das Ergebnis: Ein Plus von 129 Prozent an Installationen und 167 Prozent an Spenden für den dubiosen Adblock-Anbieter Adblock Plus.

„Fairer Deal“ – mit Einschränkungen

Kollege Lohmeyer schreibt nun auf seiner Seite, dass ein Adblocker „die Software“ sei, „die einen klaren Deal zwischen Journalisten und Lesern mit unfairen Methoden zunichte macht: den Tausch von teuer produzierten journalistischen Inhalten gegen das bloße Betrachten von Werbung“.

Word. Aber für mich mit einer entscheidenden Einschränkung: Wenn Verlage eine absolute Ignoranz des Lesers an den Tag legen. Wenn ich mich über Werbung im Netz aufrege, gerne etwa über die Websites der „Rheinischen Post“ oder des „Focus“, bekomme ich meist folgenden Satz zu hören: „Schonmal was von Adblock gehört?“

RP Online kombiniert Werbung mit Werbung

Maximale Ausschlachtung

Ja, habe ich. Und nein, ich habe das lange Zeit nicht genutzt, weil ich eben den von Lohmeyer beschriebenen Deal gerne eingehe: Ich bekomme die Inhalte, der Betreiber bekommt meine Aufmerksamkeit für die Anzeigen und damit ein paar Cent.

Was aber die Kollegen von – nur ein Beispiel, es gibt genügend andere Pappnasen – „Focus Online“ auf ihrer Website machen, grenzt für mich a) nicht mal mehr ansatzweise an Journalismus und b) an konsequentes Leservergraulen durch maximale Ausschlachtung der Werbeplätze und minimale Aufmerksamkeit für die eigenen Inhalte.

Adblocker auf 98 Prozent der Seiten deaktiviert

Entsprechend nutze ich inzwischen ein Adblock-Plugin in meinem Browser, das aber auf allen Seiten deaktiviert ist, auf denen ich noch einen Funken Rücksicht auf die Bedürfnisse des Lesers erkennen kann. Das sind ca. 98 Prozent. Und die 2 Prozent, die ich geblockt habe, steuere ich ohnehin kaum an.

Einen Arm würde ich mir also nicht abhacken.

Einen halben vielleicht.

Autor: Tobias Gillen

ist Medien- und Technik-Journalist aus Köln. Bei seiner Arbeit schreibt er auf Papier und ins Netz über alte, neue und soziale Medien. Er ist Autor des Buchs "Spurlos & Verschlüsselt!" und Chefredakteur von BASIC thinking.

4 Gedanken zu „Warum ich einen Adblocker nutze – eigentlich aber doch nicht“

  1. Lieber Tobias,
    eine schöne – und pragmatische – Einordnung des Themas. Ich werde aber weiterhin still auch die nervigste Werbung ertragen und mir wünschen, dass die Werbetreibenden einfach mal weniger nerviges Zeug schaffen. Ein Adblocker kommt mir jedenfalls weiterhin nicht ins Haus. ;-)

    Karsten

  2. Lieber Tobias,
    Lieber Karsten,
    das Problem mit den AdBlockern habt ihr sowohl hier als auch bei Karsten auf der Seite richtig dargestellt. Der Wunsch, dass Werbetreibende einfach mal weniger nerviges Zeug schaffen, wird aber immer ein Wunsch bleiben. In Gesprächen mit Verlagen hörte ich vergangenes Jahr – sinngemäß formuliert – die Frage: Warum sollten wir die Werbeagenturen/-kunden bitten, was anderes zu liefern? Die zahlen, wir bieten die Plätze. Das ist der Deal.

    Das ist dann genau der Punkt, den ich eben bei Karsten kommentiert habe und den Tobias in seinem Beitrag beschreibt. Die Bedürfnisse der Leser werden nicht ernst genommen, wobei eigentlich: Sie werden vermutlich noch nicht einmal als relevant erachtet. Stichwort Usability: Schon seit Ende der 90er / Anfang der 2000er sollte bekannt sein, dass von selbst abspielende Audiofiles ein absolutes No-Go im Netz sind. (Selbst Facebook schaltet seine Videos erst stumm.) Die Werbeindustrie interessiert das nicht. Wobei… Verlage bei ihren Scrollytelling-Projekten ja leider auch nicht.

    Andere Baustelle: Die mobile Nutzung boomt, Agenturen liefern teilweise (Stand: 2014) noch immer auch Flash-Inhalte für mobile Werbung (Werbung auf mobilen Verlagswebseiten) an. Ich frage mich manchmal: Nutzt keiner von denen Seiten, auf denen sie Werbeplätze buchen? Haben die Werbeagenturen möglicherweise selbst AdBlocker installiert, damit sie ihren eigenen Käse nicht ertragen müssen?

    Solange sich da nix ändert: Wer Pop-Up-Werbung, Auto-Video-Werbung mit Ton und Overlay-Werbung auf seinen Seiten zulässt, wodurch der Nutzer erst einmal gehindert wird, die Inhalte zu konsumieren, wird bei mir geblockt.

    Das sind nicht viele Webseiten, doch aber leider einige der großen Namen. Tobias hat zwei davon aufgelistet. Das Problem ist, dass es der Branche mit diesem Verdienstmodell so schlecht geht, dass mehr oder weniger alles an Werbeformaten genommen wird – Hauptsache die Bilanz stimmt. Keine Frage, das ist lebenswichtig – wenn eben kein anderes Geschäftsmodell besteht.

    Ich sehe jedoch schon ein neues Problem: Die Werbekanone, mit der auf Spatzen geschossen wird, verliert gerade bei jüngeren (Stichwort: Generation Y) stetig an Wirkung. Wenn sich das fortsetzt, dann sind AdBlocker das geringste Problem.

    Martin

  3. Er hat schon recht. mansche Seiten übertreiben es wirklich mit der Werbung. Und ich selber bin bei dem Thema auch immer ein bisschen hin und her gerissen. Klar wollen sie mit Werbung Geld verdienen (wer nicht?) aber gerade diese Pop Ups gehen mir selber tierisch auf den Geist. Trotzdem lasse ich meinen Ad aus. Ich sage mir so lange man den an lässt und die Seiten keine Einnahmen fahren solange kann es nur schlimmer werden. Oft hängen an den Seiten auch Arbeitsplätze und die müssen auch finanziert werden.

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